AUFGESPIESST
Kraut und Rüben
Das Bücherregeal im Wohn- oder Arbeitszimmer ist der Persönlichkeitsspiegel seiner Bewohner. Oft genügt ein kurzer Blick auf die Buchrücken um herauszufinden, wofür sich die Eigentümer der literarischen Werke interessieren. Voraussetzung ist freilich, dass die Bücher nicht nur dekorativen Zwecken dienen, sondern auch gelesen werden. So kündet etwa eine größere Ansammlung von Reiseliteratur von der Vorliebe, andere Länder und Leute kennenzulernen. Klassiker und Gedichtbände lassen auf den eher gebildeten und musisch orientierten Typ schließen. Etliche Meter Krimis und Thriller legen den Schluss nahe: Hier wird immer wieder gern auch leichte Kost konsumiert und der Rezipient sucht beim Lesen die Entspannung.Wer viel liest, braucht viel Platz, weil sich die ambitionierte Leseratte nur höchst ungern von ihrem Lesefutter trennt. Und so füllt jedes neu erworbene Buch die Regale, bis wieder einmal etliche ältere Schmöker in Kisten verpackt und der Aufnahmefähigkeit von Keller oder Bühne anvertraut werden, wo selbst die alten Schulbücher ganz hinten unten noch ihr Dasein fristen. Wo genau, weiß man nicht.Problematisch wird es nicht nur dann, wenn der Platz ausgeht. Höchst unerquicklich ist die Suche nach einem bestimmten Werk, von dem man aber nicht mehr weiß, wo man es eingeordnet hat. So etwas kann einen in die Verzweiflung treiben, weshalb sich der Herr oder die Dame der tausend Bände an langen Winterabenden daran macht, die Bücher alphabetisch nach Autoren in den Regalen zu ordnen. Das trägt tatsächlich zur schnellen Auffindbarkeit bei, sofern der archivarisch ausgeprägte Teil unseres Gehirns den Titel, das Thema und den Autor flugs in einen logischen Zusammenhang bringen kann.Auf der Strecke bleibt hingegen ganz eindeutig die Optik. Weil es das Einheitsbuch bezüglich Einband, Dicke und Größe (vorbehaltlich künftiger Entscheidungen unserer europäischen Norm-Fanatiker) nicht gibt, führt die alphabetische Anordnung zu einem ästhetischen Super-Gau in der Schrank- oder Regalwand. Was der Ordnung dienen soll, wirkt nämlich im höchsten Maße unordentlich und erinnert an ein Magazin für biologisches Gärtnern und naturgemäßes Leben, das den aussagekräftigen Titel „Kraut & Rüben“ trägt.Dann also lieber suchen: an dieser Stelle bei den Bildbänden, dort in der Abteilung Hardcover oder woanders in der Sparte Paperback. Das führt dann zwar nicht immer zum gewünschten Erfolg, endet aber vielleicht bei der Entdeckung eines längst vergessenen Werkes, das noch einmal lesenswert ist.



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