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Liebe, Wahnsinn, Tod

Das Eröffnungskonzert des Stuttgarter Musikfestes mit einem romantischen Mammutprogramm in der Liederhalle

  Überzeugender Auftritt von Christiane Iven beim Auftaktkonzert mit dem RSO in der Liederhalle.Foto: Bachakademie
 

Überzeugender Auftritt von Christiane Iven beim Auftaktkonzert mit dem RSO in der Liederhalle. Foto: Bachakademie

 

Von Verena Großkreutz

Stuttgart - Während die Stuttgarter Bevölkerung sich derzeit in der heißen Phase ihres Widerstandes gegen eine Verlegung des Fernbahn-Schienenverkehrs in tageslichtarme Gefilde befindet, sich also im übertragenen Sinne für das Licht und gegen die unterirdische Finsternis stark macht, geht die Stuttgarter Internationale Bachakademie mit ihrem diesjährigen Musikfest-Motto den umgekehrten Weg. „Licht“ war letztes Jahr. In diesem Sommer herrscht die „Nacht“. Das Thema des Festivals stand freilich schon vor Beginn der Demonstrationen im vergangenen November fest, und so verbietet sich jeder Vergleich in dieser Richtung.

Ort des Irrationalen

Drei Wochen lang wird nun also das Stuttgarter Musikfest das Thema „Nacht“ auf vielfältige Weise ausleuchten: mit unterschiedlichen Konzertreihen, mit Uraufführungen, mit einem Symposium, Musikcafé-Plauderrunden, Museumsführungen und nicht zuletzt Gottesdiensten.

Am Samstagabend war große Eröffnung: Im Beethovensaal der Liederhalle, der zu gut zwei Dritteln gefüllt war, gab es von früh abends bis spät in die Nacht Werke zu hören, die sich dem Festivalthema in Gestalt der ambivalenten Ausdruckswelt der Romantik näherten.

Die Nacht ist im Sinne des Romantikers Ort des Irrationalen, Mystischen und Magischen, gleichzeitig Schlüssel zu den Geheimnissen der Seele und des Todes, in dem sich des Romantikers Sehnsucht nach dem Ganzen ideal erfüllt. Musik war also zu hören, die sich den Themen Liebe, Wahnsinn und Tod widmet.

Das Radio-Sinfonieorchester Stutt­gart des SWR (RSO) spielte unter der Leitung des erst 29-jährigen finnischen Dirigenten Pietari Inkinen ein Mammutprogramm, das inklusive seiner eineinhalb Stunden Pause gut fünf Stunden dauerte.

Den Anfang machte eine der schönsten Programmmusiken überhaupt: Nikolai Rimsky-Korsakows sinfonische Suite „Scheherazade“, die sich auf die Märchen aus Tausend und einer Nacht bezieht. Ein Fall von Psychopathentum und seiner Therapie: Einem Sultan werden Hörner aufgesetzt, und aus Rache heiratet er jeden Abend eine neue Frau, um sie am nächsten Morgen zu töten. Bis er auf Scheherazade trifft. Die erfand Märchen, um den Sultan von seinem Plan abzubringen, sie zu ermorden.

Das RSO spielte wie gewohnt präzise und hatte ganz offenbar Freude am Schwelgen in exotischer Melodik. Aber der junge Dirigent konnte aus dem Orchester auch nicht mehr als das herauslocken. Die nicht ganz ausgewogene Balance im Orchesterapparat ging auf Kosten der gran­dios-farbigen Instrumentation. Und eigene Ideen, die den Gesamtaufbau betreffen, also die plastische Darstellung der dramatischen Konfrontation zwischen der schlauen Scheherazade und dem gewalttätigen Sultan, dessen Mordgelüste langsam dahinschmelzen, konnte Inkinen dem RSO nicht vermitteln. Besonders im langsamen Tempo wirkte der Klangkörper oft träge, im Schnellen zu brachial.

Vielleicht hatte man mit dem Finnen zu wenig geprobt? Denn auch Gustav Mahlers beiden Nachtmusiken aus seiner 7. Sinfonie fehlte es an Inspiration, an der scharfen Konturierung der dargestellten Charaktere. Nichts war zu hören vom suggestiven, rätselhaften Mahler-Ton, der auch dort Abgründigkeit aufscheinen lässt, wo es idyllisch wird. Aber an diesem Abend blieben die Kuhglocken Kuhglocken und wollten einfach nicht zu Symbolen der Ewigkeit werden.

Mit dem Auftritt der charismatischen Christiane Iven in Ernest Chaussons schwer melancholischem „La mort de l'amour“ (Der Tod der Liebe) änderte sich das Niveau schlagartig. Ihr im Timbre flexibler, höhensicherer Sopran harmonierte gut mit dem RSO, das nun erstmals an diesem Abend etwas von seinem außergewöhnlichen Gespür für Klangfarben demonstrieren konnte. Iven gelang eine geradezu perfekt getimte Gestaltung des langsamen Stimmungswechsels von freudig-hellem Überschwang bis hin zu dunkelster Todessehnsucht, und genauso nachtschwarz glückte ihr auch die Darstellung des „Liebestods“ aus Richard Wagners „Tristan“.

Während Pietari Inkinen in Richard Strauss' Tondichtung „Don Juan“ dann endlich zeigen konnte, welcher Komponist ihm besonders liegt - denn jetzt spielte das RSO tatsächlich einmal scharf konturiert, weswegen sich das erotomanische Gehabe Don Juans und sein finales Erschlaffen plastisch vermittelten -, kamen in Sergei Prokofjews „Romeo und Julia“-Suite Nr. 2 vor allem süffiges Melos und tänzerische Verve zu ihrem Recht. Sehr schön spielte das RSO jetzt - so schön, dass man den tödlichen Ausgang des Dramas zuweilen aus den Augen verlor. Sei's drum: Das Publikum bedankte sich am Ende dieses langen Abends etwas ermüdet zwar, aber mit kräftigem Applaus.

Als Gewinn für das Konzertprojekt offenbarte sich die Moderation des Intendanten der Bachakademie, Christian Lorenz, dem es auf charmante und unterhaltsame Weise gelang, das Publikum durch Fachwissen und Anekdoten ideal auf die Atmosphäre der jeweils folgenden Stücke einzustellen. Dass der Abend sich am Ende ein wenig in die Länge zog, ging so keineswegs auf seine Rechnung.

Heute beim Musikfest stuttgart

 

Artikel vom 30.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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