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Vergängliche Schönheit

Das Stuttgarter Ensemble Il Gusto Barocco mit Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ in der Gaisburger Kirche

  Die Zeit schläft nicht, auch wenn es so scheint: Christopher Kaplan (Tempo), Angelika Lenter (Piacere) und Camilla de Falleiro (Bellezza).Foto: Eisenberger
 

Die Zeit schläft nicht, auch wenn es so scheint: Christopher Kaplan (Tempo), Angelika Lenter (Piacere) und Camilla de Falleiro (Bellezza). Foto: Eisenberger

 

Von Thomas Krazeisen

Stuttgart - Der Stücktitel „Der Triumph­ der Zeit und der Enttäuschung“ las sich an diesem Abend, der bedingt durch den ersten Baggerbiss und das damit verbundene Chaos am Stuttgarter Hauptbahnhof mit einiger Verspätung begann, je nach Standpunkt auch wie ein unwillentlicher Kommentar zum sichtbaren Aufbruch in eine schöne neue Zeit beziehungsweise zur hässlichen Fratze des Abbruchs und eines drohenden Milliardengrabs. „Il trionfo del tempo e del disinganno“ heißt Georg Friedrich Händels frühes Oratorium im italienischen Original. Es wurde, mit deutschen Übertiteln und um Auszüge aus Bachs Herkules-Kantate erweitert, jetzt vom Ensemble Il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek in der Gaisburger Kirche aufgeführt. Ein durchaus passender Ort für diesen einst in kirchlichem Auftrag entstandenen Showdown mit gewissem Ausgang und den allegorischen Figuren der Schönheit (Bellezza), des Vergnügens (Piacere), der Zeit (Tempo) und der Enttäuschung im Sinne desillusionierender Erkenntnis (Disinganno). Bei dieser allegorischen „Familienaufstellung“, welche Thomas Wehry im Chorraum unter Einbeziehung von Kanzel, Altar und Taufbecken szenisch eindringlich, doch die Würde des Ortes nirgends antastend bebildert hat, stehen sich der smarte Zeit-Mann und der leicht dünkel- und predigerhaft gezeichnete Erkenntnis-Theo­retiker erwartungsgemäß zunächst nahe - und den weiblichen Figuren der Schönheit und des Vergnügens gegenüber. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Es geht, wie im richtigen irdischen Leben, hier alsbald sehr konflikt- und temporeich zur Sache, ordentliche Zickenkriege und fliegende Partnerwechsel, Handgreiflich- und Zärtlichkeiten inklusive, was den vier Vokalisten über fast drei Stunden hinweg nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch einiges abverlangt. Da liegen irgendwann auch Zeit und Erkenntnis im Clinch, wie sich Bellezza und Piacere, anfangs eifersüchtig um die Gunst von bel Tempo buhlend, alsbald einmütig über den holden Jüngling in Boxershorts auf dem Altar hermachen, um ihm mit dem Schminkstift unheilige Kreuze auf den entblößten Leib zu malen. Das zeitigt Wirkung bei der Zeit. Auch wenn er sich zwischendurch im schwarzen Talar als Moralapostel auf der Kanzel gebärdet, ist Tempo hier auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, den von Zeit zu Zeit menschlich-allzumenschliche Regungen quälen. Der temporäre Schürzenjäger handelt sich prompt von Signora Piacere eine Watschn ein, als er sich wenig diskret ins fleischliche Vergnügen stürzt.

Unvergängliche Wahrheit

Am Ende dieses so furiosen wie poe­tischen Ringens um wahres Glück und ewige Seligkeit, um flüchtige Güter und eine unvergängliche Wahrheit kehrt in der Gaisburger Kirche wieder sakrale Ruhe und symbolische Ordnung ein: Disinganno zündet zum solennen Finale am Altar sechs Kerzen an und stellt das Christuskreuz wieder an seinen angestammten Platz zurück. Der Kontratenor Daniel Gloger singt seine Allegorie farbenreich mit passend melancholischer Grundierung. Der junge Christopher Kaplan macht als begehrter Jüngling darstellerisch bella figura und verfügt über einen schon recht biegsamen, den Fluss der Zeit veranschaulichenden Tenor. Camilla de Falleiro, die narzisstische Schönheit im kleinen Schwarzen, singt sich zügig frei, um koloraturenselig Frieden mit ihrer Vergänglichkeit zu schließen und in die Bahn der Tugend und der Reue einzubiegen.

Jenseits der Rachsucht

Ins entmaterialisiert Jenseitige wird ihr die personifizierte Vergnügungssucht nicht folgen: Angelika Lenter verkörpert schon in ihrer Kostümierung pralle Diesseitigkeit und stattet ihre Piacere auch vokal adäquat mit arios flackernder Rachsucht aus, während sie beim (aus dem „Rinaldo“ bekannten) Barock-Hit „Lascia la spina“ noble lyrische Empfindsamkeit verströmt.

Jörg Halubek und seine Musiker bringen nicht nur hier die lyrischen Rosen des Oratoriums zur anmutigen Blüte, sie lassen auch den ganzen Schmerz der Dornen lodernder Leidenschaft und unstillbarer Sehnsucht im Hier und Jetzt mit rhythmisch prägnantem, doch auch in den affektgeladenen Eruptionen transparentem Spiel mitfühlen. So erstrahlt bei diesem memento mori die Musik Händels und Bachs in ihrer unvergänglichen Schönheit, muss Bellezzas Jugendwahn auf der kleinen Weltbühne im Gaisburger Kirchenraum am Ende auch das Zeitliche segnen. Applaus und Bravi für Solisten und Orchester.

 

Artikel vom 28.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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