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Die ganze Welt steht kopf

Die Waiblinger Galerie Stihl zeigt einen Querschnitt durch das zeichnerische Schaffen des Satirekünstlers F. K. Waechter

  „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“, eine der bekanntesten Waechter-Arbeiten.Foto: Galerie
 

„Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“, eine der bekanntesten Waechter-Arbeiten. Foto: Galerie

 

Von Elke Eberle

Waiblingen - „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“, denkt sich eine Gans fatalistisch, während sie einen eleganten Kopfstand wagt. Entstanden ist die Zeichnung 1971, sie zählt zu den bekanntesten von Friedrich Karl Waechter. Nicht nur Schweine und Gänse - die ganze Welt steht kopf in seinen absurden Zeichnungen, hintergründigen Cartoons und satirischen Bildgeschichten; und manchmal steht sie sogar einen ganzen Augenblick still. Die Galerie Stihl in Waiblingen zeigt derzeit in Kooperation mit dem Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover 160 Arbeiten und damit einen Querschnitt durch das Werk des 2005 verstorbenen Satirekünstlers.

Kritik am Papst

Friedrich Karl Waechter wurde 1937 in Danzig geboren, im September 2005 starb er in Frankfurt. Er war nicht nur Zeichner, Car­toonist und Karikaturist, er arbeitete auch als Regisseur, verfasste Kinderbücher, kurze satirische Texte und Theaterstücke. Und er wurde vielfach ausgezeichnet. Zusammen mit Robert Gernhardt und F.W. Bernstein war Waechter in den 1960er-Jahren ein wichtiges Mitglied der Künstlergruppe Neue Frankfurter Schule. Das Dreigestirn hatte sich in der Redaktion der literarisch-satirischen Zeitschrift „pardon“ kennengelernt und führte die satirische Kunst in Deutschland zu einer neuen Qualität. Kritisch, provokant und zugleich literarisch anspruchsvoll beleuchteten sie die deutsche Politik und gesellschaftliche Befindlichkeiten. Dabei scheuten sie auch Auseinandersetzungen vor Gericht nicht. Unzählige Kontroversen trugen sie zum Beispiel mit der katholischen Kirche aus - kein Wunder bei Blättern wie „Der Papst kommt“, das den Heiligen Vater in unzweideutiger Stellung hinter einem seiner Schäfchen zeigt. „Keine Witze über den Papst“, fordert einer von Waechters Witzfiguren und entpuppt sich wenig später als Papst höchstpersönlich.

Die Ausstellung ist in 14 Themenbereiche wie „Sinn des Lebens“, „Tierreich“, Sex und Beziehung“, „Männer auf verlorenem Posten“ und „Lebendiges Christentum“ gegliedert. Sie spiegelt die thematische Vielfalt des umfangreichen Lebenswerks wider. Gleichzeitig fächert sie eindrucksvoll das Spektrum von frühen Zeichnungen bis hin zu den späten Kinderbüchern auf. Unter anderem sind Zeichnungen aus dem preisgekrönten Kinderbuch „Der rote Wolf“ (1997) zu sehen. Bekannt wurde Waechter einem breiten Publikum 1970 durch den Anti-Struwwelpeter, fortan Symbolfigur für antiautoritäre Erziehung. Da zieht nicht der Suppenkasper versehentlich die Decke vom Tisch, sondern der wütend gewordene Vater.

Waechter nutzte unterschiedliche Techniken und Stile, seine puristisch reduzierten Linienzeichnungen sind ebenso elegant und meisterlich wie die facettenreich kolorierten Tuschearbeiten. Dicht an dicht gruppieren sich die differenziert ausgearbeiteten Tiere im „Tierpuzzle“ um einen lächelnden Elefanten, während die Zeichnung des „Clowns in Betrachtung zweier Krähen bei Sonnenuntergang“ mit einem roten Kreis, zwei Haken und einer Linie auskommt.

Einen Schwerpunkt der Schau bilden natürlich die Arbeiten für die Satiremagazine, Werke voll subtiler Ironie und geistreichem Witz. Ab 1962 arbeitete Waechter für „pardon“, ab 1964 gestaltete er zusammen mit Gernhardt und Bernstein die Nonsens-Seite in der Welt im Spiegel (WimS).

Von „pardon“ zu „Titanic“:

Ein großer Teil der heute als Klassiker geltenden Blätter ist erstmals in der WimS erschienen, etwa „Welch ein erhab‘ner Anblick: Der König der Eichhörnchen wechselt den Baum“. Herrlich auch die Serie „Das Schwein in der Bildenden Kunst“ von 1967; Waechter malte und zeichnete Schweine treffsicher à la Arp, Dalí, Leonardo und Raffael. Und er veräppelte nicht nur die Künstler beziehungsweise deren Stile, sondern mit den Texten auch gleich noch die Kritiker und Kunsthistoriker.

Das Ende von „pardon“ war der Anfang von „Titanic“: 1979 war Waechter einer der Gründungsmitglieder der Zeitschrift, die „Stillen Blätter“ stecken voller bissiger Witze, geistreichen Nonsens und ätzen­der Satire. Titanic führte die Tradition der gnadenlosen, aber immer intelligenten Tabubrüche fort und berichtete zum Beispiel live aus den Beichtstühlen.

Wort und Bild sind bei Waechter eng und kongenial miteinander verbunden. Auch das macht seine Arbeiten einzigartig. Er erzählt in seinen Zeichnungen Geschichten, aber oftmals nicht zu Ende, und genau das zieht den Betrachter in ihren Bann. Waechter bohrt Abgründe in die menschliche Existenz oder karikiert die Leichtigkeit des Seins, seine Gedankenspiele irritieren oder verführen den Betrachter zum Lachen - auch über sich selbst. Und vielleicht ist gerade das höchste Kunst.

Bis 26. September. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

 

Artikel vom 26.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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