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Nina muss Gummibären wiegen

Die Neunjährige trägt eine Insulinpumpe - Die Krankheit hat das Leben ihrer Familie am Anfang ziemlich auf den Kopf gestellt

  Manchmal ist Nina das Messen ganz schön lästig. Ihre Ärztin Jeannette Sy findet, dass sie das gut macht.Fotos: Rudel
 

Manchmal ist Nina das Messen ganz schön lästig. Ihre Ärztin Jeannette Sy findet, dass sie das gut macht. Fotos: Rudel

 

Von Doris Brändle

Es gibt Tage im Leben, da ändert sich alles. Für Heidi Walz war der 17. Juli 2007 so ein Tag. Sie weiß, dass das Datum nicht wichtig ist - und trotzdem wird sie es so wenig vergessen wie den Geburtstag ihrer Kinder. An diesem Tag hat sie erfahren, dass ihre Tochter Nina Diabetes hat, genauer Diabetes mellitus Typ 1. „Plötzlich geht eine Schlucht vor dir auf und du stehst am Abgrund“, sagt sie.Das ist jetzt drei Jahre her. Heute sitzt sie mit Nina und Ärztin Jeannette Sy in einem Behandlungsraum der Esslinger Kinderklinik und kann ganz entspannt von damals erzählen. Alle drei Monate kommt sie mit Nina zur Kontrolle. Nina ist jetzt neun, sie piekst sich in den Finger, drückt einen Teststreifen auf den Blutstropfen und misst so ihren Blutzuckerspiegel. Sie hat Routine. Nur dass heute der Fotograf sie dabei umkreist, findet sie ein bisschen doof. Ganz normal will sie sein und nicht im Mittelpunkt stehen wie beim Diabetestag in Berlin, als ihr ein Fernsehreporter ein Mikrofon vor das Gesicht gehalten hat. Und diese Fragen! Die nerven nach einer Weile und man wird ganz müde davon.Nina erinnert sich an die Zeit vor der Diagnose: „Ich musste in der Nacht ganz oft auf die Toilette und ganz viel trinken.“ Apathisch sei die Sechsjährige oft gewesen, als sei sie nicht ganz auf dieser Welt, sagt ihre Mutter. „Aber das ist uns nicht so schnell aufgefallen, weil sie immer schon ein Träumerle war.“ Der Urintest beim Kinderarzt ging ganz schnell und er war eindeutig.

Der Körper kennt keinen Sonntag

Nina kam für zwei Wochen ins Krankenhaus, erstmal an den Tropf, damit sie stabil wird. Heidi Walz war dabei, ein Feldbett war ihr Lager. Sie musste alles auf einmal organisieren, weil ihr Mann nur am Wochenende zuhause sein konnte: Wohin mit der damals zehnjährigen Sara? Wie sollte sie das regeln mit ihrer Halbtagsarbeit? Dazu massenweise Informationen von der Klinik. „Es steht da so ein Riesenberg vor einem und ich war gar nicht aufnahmefähig“, sagt Walz.

Uhr und Waage bestimmten von nun an das Leben der Familie. Wieviele Broteinheiten (BE) stecken in einer Brezel, wieviele in einer Aprikose? Auch am Wochenende musste Nina um 7 Uhr frühstücken, der Körper kennt keinen Sonntag. Eine halbe Stunde vorher musste Heidi Walz den Blutzuckerspiegel messen und Insulin spritzen. „Die Ausrede, ich habe keinen Hunger mehr, gab es nicht. Der ganze Teller musste leer sein, sonst wäre Nina in den Unterzucker gerutscht. Die Insulinmenge war ja genau für diese Menge berechnet.“ Schwierig wurde es auch im Restaurant, wenn Nina sich gespritzt hatte, aber das Essen ewig nicht kam. „Da sitzt man wie auf Kohlen“, sagt Heidi Walz. „Nach einem Jahr habe ich gemerkt, wie meine Konstitution immer mehr runterging.“ Jetzt waren Nina und sie selbst bereit für eine Insulinpumpe. „Am Anfang hätte ich das nicht gekonnt. Man will mit einem gesunden Kind aus dem Krankenhaus kommen. Und die Pumpe erinnert dich immer daran, dass es nicht so ist.“ Die Pumpe trägt Nina seither immer am Körper. Sie wirkt wie eine kleine Bauchspeicheldrüse. „Sie gibt kontinuierlich ein lange wirksames Insulin ab“, erklärt Ninas Ärztin Jeannette Sy. Direkt vor dem Essen gibt sie über eine kleine Tastatur ein, wieviel Kohlenhydrate sie jetzt essen wird und die Pumpe gibt die entsprechende Menge Insulin an ihren Körper ab. Bei vielen Lebensmitteln, weiß Nina schon auswendig, was sie eintippen muss: „Ein kleines Tütchen Gummibärchen hat eine BE, 90 Gramm Apfel auch“, weiß Nina. Dieses Analoginsulin wirkt sehr schnell, deshalb ist Ninas Tagesablauf viel flexibler geworden. Sie muss jetzt nicht mehr langfristig planen, was und wann sie isst. „Die ganze Familie hat ein Stück Lebensqualität gewonnen“, sagt Heidi Walz. Sie hat Angst, falls ihre Kasse das Präparat in Zukunft nicht mehr zahlt.

Nina spielt viel Tennis und schwimmt. Heidi Walz ist froh, wenn ihre 13-jährige Tochter Sara dabei ist. „Ich kann mich auf sie verlassen. Wenn die beiden zum Beispiel bei den Großeltern übernachten, misst sie nachts Ninas Blutzucker. Sara reagiert intuitiv und hat ein sehr gutes Bauchgefühl“, sagt Walz. Haben die Schwestern ein gutes Verhältnis? „Nö“, sagt Nina und grinst.

Bewusstlos geowrden

Manchmal denkt Heidi Walz, dass ihre ältere Tochter wegen Ninas Krankheit zu kurz kommt, auch wenn sie so resolut und selbständig wirkt. Die Mutter erinnert sich an einen USA-Urlaub, als sie mit Sara in einem Wasserpark oben auf einer Rutsche stand. „Da sehe ich, wie Nina unten plötzlich zusammenbricht. Sie war so tief in den Unterzucker gefallen, dass sie bewusstlos geworden ist.“ Heidi Walz rannte hinunter, ihr Mann flößte dem Kind eine Paste ein, ein Krankenwagen brachte Nina zur Beobachtung in die Klinik. Und Sara? „Sie sagt noch heute, dass sie mit mir mal noch diese Rutsche runterfahren will.“

Ninas Eltern haben ihr Mut gemacht, offen mit der Krankheit und der Pumpe umzugehen. Am Anfang fand sie das anstrengend, weil alle so viel gefragt haben. „Aber jetzt wissen sie es ja“, sagt sie. Nina soll so normal wie möglich aufwachsen, auch wenn das manchmal strategische Höchstleistungen erfordert. Ninas Familie sei vorbildlich, findet die Ärztin. „Wir wollen keinen Sonderfall, kein rohes Ei“, sagt Heidi Walz.

 

Artikel vom 09.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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