Wasserpfeife im Weinberg
ESSLINGEN: Großes Engagement bei Putzaktion - Bürgerausschuss Innenstadt verweigert sich - „Mancher kennt keinen Schmerz“
Am Samstag waren die Esslinger Bürger zur stadtweiten Reinigungsaktion „ES putzt“ aufgerufen. Etwa 500 Engagierte griffen zu Zange, Eimer und Arbeitshandschuhen, um in ihren Stadtteilen Straßenränder und öffentliche Grünanlagen von den Hinterlassenschaften achtloser Mitmenschen zu befreien. Zwar hatte der Bürgerausschuss Innenstadt angesichts der Diskussion um eine Reinigungsgebühr die Mitarbeit verweigert, doch waren trotzdem viele dem Putz-Aufruf gefolgt.
Die Nacht zum Samstag war offensichtlich für manche Menschen mild genug, im Freien zu feiern. Die fünf Mitglieder der Naturfreunde, die sich zum Esslinger Frühjahrsputz als Reinigungstruppe für die Maille gemeldet hatten, sahen sich mit entsprechendem Unrat konfrontiert. „Jede Menge leerer Wodkaflaschen und Glasscherben“, ärgerte sich Johann Berleth. Doch nicht nur das: Berleth präsentierte auch einen Müllsack, den er auf nur wenigen Quadratmetern Park bereits halb mit Plastikbechern und Verpackungsmüll gefüllt hatte. „Die Aktion ist schon ein symbolischer Akt, wenn man sich das so anschaut.“ Henry Wolter, Abteilungsleiter im Grünflächenamt, klang beim Blick über die Maille etwas resigniert. Dennoch sei festzustellen, dass es genügend Bürger gebe, „die nicht akzeptieren, dass es aussieht, wie es aussieht, und sich für den öffentlichen Raum engagieren“.Etwa 500 Putzwillige hatten sich stadtweit bei Wolter und bei den Bürgerausschüssen in den Stadtteilen für „ES putzt“ gemeldet. Achtlos Weggeworfenes galt es ebenso zu entsorgen wie Grobmüll, den andere Zeitgenossen ganz bewusst entlang von Spazierwegen oder am Waldrand illegal deponiert hatten. Insbesondere die gut mit dem Auto erreichbaren Naherholungsgebiete am Stadtrand erweisen sich seit Jahren als Schwerpunkte der Müllablagerung, erzählte Wolter. „An der Römerstraße haben wir schon halbe Wohnungseinrichtungen auf den Waldparkplätzen gefunden.“ Auch am Samstag hätten die freiwilligen Helfer eine Waschmaschine und Computerbildschirme aus dem Wald geklaubt. „Mancher kennt offenbar keinen Schmerz“, kommentierte Wolter, der, obwohl eine endgültige Bilanz erst in einigen Tagen gezogen werden könne, von einem ähnlich hohen Müllaufkommen wie im vergangenen Jahr ausging. Immerhin elf Tonnen Abfall und fast drei Tonnen Schrott kamen damals zusammen. Auf der Maille waren knapp 20 Reinigungshelfer erschienen und ließen sich, ausgestattet mit Warnwesten, Zangen, Arbeitshandschuhen und Müllsäcken, von Wolter für die Innenstadtviertel einteilen. Die Resonanz der Bürger auf die Aufrufe, gemeinsam für eine saubere Stadt Hand anzulegen, werde seit einigen Jahren immer besser, erzählte Wolter. Allerdings war in diesem Jahr in der Innenstadt „deutlich zu spüren, dass der Bürgerausschuss fehlt“.
Zankapfel Reinigungsgebühr
Der Bürgerausschuss Innenstadt, in den vergangenen Jahren eine der tragenden Säulen der Putzaktion in der Innenstadt, hatte aufgrund der Diskussion um eine mögliche Straßenreinigungsgebühr für Innenstadtbewohner seine Kooperation verweigert. „Der Frühjahrsputz ist eine Solidaraktion mit Symbolcharakter“, eine Reinigungsgebühr stelle jedoch eine „Entsolidarisierung“ dar, erklärte der Bürgerausschuss- Vorsitzende Jörg Schall. Die Putzaktion sei durchaus als richtig zu bewerten, allerdings sei das Problem der Verunreinigung als gesamtstädtische Angelegenheit zu betrachten. Es sei für den Bürgerausschuss daher nicht nachvollziehbar, „dass wir dafür bezahlen sollen“, sagte Schall.
Der Eritreische Elternverein befreite in Weil das Gelände rund um das Sportgelände an der Württembergstraße von Bauschutt, einem Fernsehgerät und säckeweise Verpackungsmüll. „Die Bürger und die Vereine müssen präsent sein und etwas tun für die Stadt, denn wir alle gehören zur Stadt und müssen deshalb unseren Teil dazu leisten“, begründete Ermias Weldeyohannes das Engagement des Vereins. Gerd Küppers vom Bürgerausschuss Mettingen-Weil-Brühl bekräftigte das: „Man sollte sich nicht nur ärgern über die Gedankenlosigkeit der anderen und alle Verantwortung auf die Stadt abwälzen.“
Auch für den Bürgerausschuss RSKN stand beim Frühjahrsputz die Vorbildfunktion des bürgerschaftlichen Engagements an erster Stelle. „Das Müllaufkommen ist ähnlich hoch wie in den Vorjahren“, berichtete der Bürgerausschuss-Vorsitzende Thomas Diehl, der sich „sehr stolz“ angesichts der hohen Beteiligung von Bürgern, Vereinen und Schulklassen zeigte. Diehl hatte zusammen mit seiner Putzgruppe den Ailenberg gereinigt und an manchen Stellen „regelrechte Mülldeponien“ ausfindig gemacht. Doch der Frühjahrsputz brachten auch Kurioses zu Tage. So klaubte Tim Heinemann eine fast neue Wasserpfeife aus dem Weinberg und hatte überdies Mühe, einen Autoreifen den Steilhang hoch zu bugsieren. „Das verliert man doch nicht beim Spazierengehen“, kommentierte er leicht zweifelnd.



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