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WORT ZUM SONNTAG

Hoffnung ins Leben

 
 
 

Zu den bewegendsten Erfahrungengehört es für mich als Krankenhauspfarrerin, wenn Eltern Abschied nehmen müssen von einem Kind, das zu klein und zu schwach war, um leben zu können. Kinder, die geboren werden, nur um zu sterben. Kinder, die sterben, bevor sie Raum in unserem Leben bekommen haben. Gibt es etwas Widersprüchlicheres? Ist doch jede Geburt Symbol dafür, dass Leben immer wieder neu werden kann. Gerade dieses Lebensgefühl wird empfindlich verletzt, wenn Geburt und Tod zusammenfallen. Die „gute Hoffnung“ wurde betrogen. Abwehr, Verdrängung und Rückzug sind daher Reaktionen, die die betroffenen Eltern in ganz besonderem Maße, aber auch die Menschen erfassen, die Anteil nehmen wollen. Worte zu finden ist da schwer. Eigene Widerstände gilt es zu überwinden, um sich den Gefühlen von Hilflosigkeit auszusetzen. Dennoch erlebe ich es als dankbare und wertvolle Erfahrung, den Kontakt zur Mutter und oft auch zum Vater verstärkt wahrzunehmen. Manchmal ist es eher ein sprachloses Mitgehen. Wo Gedanken und Worte fehlen, sind es die Gesten und das Zuhören, die zum Ausdruck bringen, dass dieses Kind ein unersetzbarer einmaliger Mensch war. Dazu gehört die Ermutigung, das verstorbene Kind noch einmal zu betrachten oder sogar in den Arm zu nehmen und ihm einen Namen zu geben. Und wenn dann die quälenden Fragen nach dem Warum und Wozu, nach Schuld und Versäumnis hochkommen, dann geht es zuerst einmal gar nicht um „richtige“ oder „falsche“ Antworten, sondern um den Schmerz und die Wut, die laut werden wollen.Dass angesichts des Unfassbaren auch der Glaube sich verändern oder in die Brüche gehen kann, weiß jeder, der die Psalmen und Hiob gelesen hat. Auch Jesu Leidensweg führt an den äußersten Rand der Gottverlassenheit. Aber sie ist nicht das Ende. Im Licht des Ostermorgens kann Hoffnung neu wachsen. Könnte nicht der Abschied von einem bloß allmächtig gedachten Gott den Weg freimachen zu einem Gott, der nicht über uns regiert, sondern in uns wächst - auch im Widerstreit? Der gerade in der Erfahrung der Gottferne die Brücke ist, auf der wir zaghaft unseren Weg gehen und die Hoffnung ins Leben dennoch wagen können? Jörg Zink fasst solche Hoffnung in ein Gebet: „Herr, du selbst bist die Brücke. Ich gehe meinen Weg zaghaft. Aber ich vertraue dir, der du mich führen und tragen wirst. Ich weiß nicht, ob es leicht oder schwer sein wird, hinüberzugehen. Aber ich will mich nicht fürchten. Ich verlasse mich auf dich.“ Annegret Zeyher

Krankenhauspfarrerin

Klinikum Esslingen

 

Artikel vom 20.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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