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„Wir sind im Augenblick eine große Baustelle“

ESSLINGEN: Der Priestermangel und seine Folgen: EZ-Redaktionsgespräch mit vier Seelsorgern

 
 
 

Von Harald Flößer

Der Priestermangel ist nicht das einzige Problem der katholischen Kirche, aber das zentrale. Weil es in vielen Gemeinden keinen geweihten Pfarrer mehr gibt, werden gewachsene Strukturen über Bord geworfen. Ehemals selbstständige Pfarreien werden zu Seelsorgeeinheiten zusammengelegt, die Christen müssen enger zusammenrücken. Das führt allenthalben zu Reibungspunkten. Viele Gemeindemitglieder wünschen die traditionellen Strukturen mit einem eigenen Pfarrer zurück. Bei den Laienmitarbeitern kommt es oft zu Überlastungen und zu Unzufriedenheit, weil sie in der oftmals langen Zeit einer Vakanz Aufgaben von Priestern miterledigen müssen, auf der anderen Seite aber für zentrale Aufgaben wie Eucharistiefeiern oder Leitungsfunktionen laut Kirchenrecht nicht die Befugnis haben. „Wir sind im Augenblick eine Baustelle mit vielen Löchern“, umschriebt Pfarrer Hans Nagel aus Oberesslingen die Situation der katholischen Kirche. Eine Zustandsbeschreibung, die gerade auf die acht katholischen Gemeinden in Esslingen zutrifft. Woran das liegt und welche Lösungsansätze es dafür gibt, darum drehte sich ein EZ-Redaktionsgespräch, an dem sich außer Pfarrer Nagel drei in Esslingen tätige kirchliche Mitarbeiter beteiligten: Diakon Peter Maile, Pastoralreferent Josef Birk und Gemeindereferentin Hildegard Gut.

Ansehensverlust eingeräumt

Im Moment wird alles überlagert vom Missbrauchsskandal an katholischen Internaten. Durch immer neue an die Öffentlichkeit kommende Fälle hat die Glaubwürdigkeit der Kirche massiv gelitten. „Natürlich ist das ein Ansehensverlust“, räumt Nagel ein. „Der Einzelfall wird da hochgerechnet.“ Nagel hatte selbst in den Jahren 1958 bis 1962 ein kirchliches Internat in Ellwangen besucht, das „ganz auf zölibatäre Ausbildung ausgerichtet“ gewesen sei. Sexualerziehung sei damals überhaupt kein Thema gewesen, genauso wenig wie im Elternhaus. Der 69-Jährige findet es angemessen, wie die Kirche das Thema angeht: „Da ist man streng dran.“ Auch Gemeindereferentin Gut wird in diesen Tagen oft mit dem Skandal konfrontiert: „Die Leute können es gar nicht fassen.“ Diakon Maile hat für sich entschieden, „ganz offensiv“ damit umzugehen, und plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung. „Ich halte nichts davon, sich auf ein Wort des Papstes zu fixieren“, sagt Pastoralreferent Birk. Bei der Aufarbeitung des Themas seien „alle Zuständigen vor Ort gefordert, egal auf welcher Ebene“.

Alle Kräfte gefordert sind auch bei der Suche nach beständigen Strukturen für die Ortskirche. Hans Nagel räumt ein, dass der von vielen als Kardinalproblem ausgemachte Priestermangel ein Hemmschuh ist. Doch sei man mit der dadurch erzwungenen Umstrukturierung genau auf dem Weg, den das 2. Vatikanische Konzil und die Würzburger Synode schon vor Jahrzehnten vorgezeichnet habe. „Kirche und Gemeinde ist nicht nur Sache des Klerus, der geweihten Amtsträger. Kirche sind wir alle, Priester wie Laien.“ Leider werde in den Gemeinden viel zu wenig realisiert, dass es mit Diakonen, Pastoralreferenten und Gemeindereferenten viele qualifizierte Seelsorger neben den Pfarrern gebe. „Wenn man alle Berufe zusammenzählt, haben wir genug Leute und sicher nicht weniger als früher.“ Nur eben zu wenig geweihte Priester, die für viele traditionsfixierte Katholiken nach wie vor die einzigen „echten“ Seelsorger darstellen.

„Es braucht Zeit, bis sich das bei den Leuten setzt“, weiß Gemeindereferentin Gut von ihrer Tätigkeit in der Kirchengemeinde Zell. Sie ist dort fast ständig präsent und füllt damit die Pfarrerstelle weitgehend aus. Nur die zentralen Aufgaben wie die Eucharistiefeiern bleiben dem offiziell als Administrator eingesetzten Pfarrer Nagel vorbehalten.

Diözese gegen praktikalbe Lösung

Pastoralreferent Birk wird in St. Paul nicht nur als Priester angesehen, sondern oftmals auch als „Herr Pfarrer“ angesprochen. „Die Leute gehen damit sehr pragmatisch um.“ Er bedauert es sehr, dass die Diözese es untersagt hat, einem Nicht-Kleriker die Leitungsfunktion zu übertragen. Das würde für ihn gerade in Zeiten ohne Priester die Arbeit erleichtern. So seien für Absprachen oft lange Wege nötig.

Kritiker halten der Amtskirche und dem Papst Starrheit vor. Vor allem mit der Aufhebung des Zölibats (Ehelosigkeit) und der Zulassung von Frauen für das Priesteramt ließen sich viele Probleme lösen, lautet die gängige Meinung des Kirchenvolks.

„Nicht Trends hinterher rennen“

Er persönlich könne sich Frauen als Priesterinnen vorstellen, sagt Pfarrer Nagel. Doch gebe es dagegen theologische Bedenken. „Wir sind nun mal eine Weltkirche, die eine gewisse Ordnung vorschreibt.“ Dass in der Gesellschaft manches anders gesehen werde, könne er aber verstehen. In dieselbe Richtung argumentiert Diakon Maile. „Wir müssen nicht Trends hinterher rennen.“ Viel wichtiger sei, „dass wir schauen, was die Menschen vor Ort brauchen und was seelsorgerisch nötig ist“. Nach seiner Ansicht sind längst nicht alle Probleme gelöst, wenn alle Priester werden können.

Dass die wenigen Pfarrer überlastet sind, weil zu viel an ihnen hängt und sie oftmals quasi als Zelebriermaschine funktionieren müssen, kann Hans Nagel für seine Person nicht bestätigen. „Ich renne nicht von Messe zu Messe.“ Auch bleibe ihm genug Zeit für persönliche Gespräche. Nach seiner Erfahrung hat sich die aktive Seelsorge sowieso zu einem großen Teil auf Beratungsstellen verlagert. Genauso empfindet es Gemeindereferentin Gut: „Wir sind gut bestückt mit speziellen Diensten.“

Die wichtigste personelle Lücke in Esslingen ist nach wie vor nicht geschlossen: Nach dem Weggang von Paul Hildebrand - er stieg zum Personalchef der Diözese auf - wird ein leitender Pfarrer für die Gesamtkirchengemeinde gesucht. Und so schnell lässt sich die Stelle offenbar nicht besetzen. Laut Pfarrer Nagel gab es bislang in mehreren Durchgängen noch keine ernsthafte Bewerbung. Der Neue werde nicht der Pfarrer von St. Paul, stellt Birk klar. „Das ist eine Stelle für eine besondere Leitungsfunktion.“

Dazu brauche es einen Mann mit hoher Führungskompetenz. Birk ganz offen: „Ich fürchte, das ist für manche furchterregend.“ Jedenfalls gibt Pfarrer Nagel die Hoffnung auf eine baldige Wiederbesetzung nicht auf: Gemeinsam mit dem Neuen werde man neue Strukturen für die katholischen Gemeinden in Esslingen entwickeln.

Und wie sehen die Vier die katholische Kirche in 20 Jahren? „Es wird sicher noch manches schrumpfen“, meint Pfarrer Nagel, der sich Ende des Jahres in den Ruhestand verabschieden will. Vor allem werde es weniger territoriale Kirchengemeinden geben.

„Immer nur kurzfristige Lösungen“

Zudem erwartet er, dass dann in jeder großen Kirche in Esslingen nur noch ein Sonntagsgottesdienst gefeiert wird. In jedem Fall werde es ein noch größeres Miteinander der Laiendienste geben müssen. In 20 Jahren wird es nach dem Stellenplan der Diözese Rottenburg-Stuttgart nur noch neun pastorale Stellen in Esslingen geben. Darunter werden sich laut Nagel „drei, vielleicht vier Priester“ befinden.

Mehr Flexibilität ist nach Ansicht von Josef Birk gefragt: „Wir müssen lernen, dass es nur noch Lösungen gibt, die auf Sichtweite Bestand haben.“ Viele Veränderungen wie das Diakonat der Frau hält der Pastoralreferent für „längst überfallig“. Da wünscht sich Birk zuweilen „mehr Aufmüpfigkeit“. „Mehr Power von unten täte der Kirche gut.“ Große Reformen erwartet Maile nicht. „Man kann auf der unteren Ebene nur in Nuancen etwas ändern.“ Dazu sei man zu sehr eingebunden in die Weltkirche. Seine Hoffnung ist, dass er und seine Kollegen auch in 20 Jahren noch den Menschen Perspektiven vermitteln können.

Unter dem Titel „Harte Zeiten für die Katholiken“ war am 12. Januar in der EZ ein Artikel erschienen, der sich mit dem Priestermangel in Esslingen und auf dem Schurwald sowie die daraus resultierende Notsituationen der Gemeinden befasste. Der Beitrag hatte ungewöhnlich viele Reaktionen aus der Leserschaft hervorgerufen.

An dem Gespräch mit den vier Seelsorgern nahmen aus der Redaktion der Eßlinger Zeitung teil: Chefredakteur Markus Bleistein, Lokalchef Christian Dörmann, Kulturchef Martin Mezger-Winkelmann, Kreischef Harald Flößer, Hermann Dorn und Thomas Kraz­eisen.

 

Artikel vom 20.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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