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VOLKER WALTER, TEAMLEITER DER VESPERKIRCHE

„Die bürgerliche Mitte fehlt“

ESSLINGEN: 40-Jähriger sieht noch Verbesserungsbedarf bei der Organisation - Lob für die Stimmung in der Kirche

  Vesperkirchen-Teamleiter Volker Walter denkt, „dass auch Kritik von 2009 dazu geführt hat, dass viele Leute in diesem Jahr weggeblieben sind“.Foto: Bulgrin
 

Vesperkirchen-Teamleiter Volker Walter denkt, „dass auch Kritik von 2009 dazu geführt hat, dass viele Leute in diesem Jahr weggeblieben sind“. Foto: Bulgrin

 

Noch bis zum Sonntag dauert die diesjährige Vesperkirche in der Esslinger Frauenkirche. Im Gespräch mit EZ-Redakteurin Stephanie Danner hat Teamleiter Volker Walter schon einmal Bilanz gezogen. Er bedauert, dass in diesem Jahr die Mittelschicht eher fernblieb. Außerdem würde er sich für eine Neuauflage in 2011 wünschen, dass sich die Kooperationspartner genauer zu dem äußern, was sie einbringen. Ob es zu einer dritten Vesperkirche kommt, müsse allerdings noch ausgewertet werden. Der Andrang bei der Vesperkirche war in den ersten Tagen verhalten. Wie hat sich die Besucherzahl entwickelt?

Walter : Es stabilisiert sich bei 300 bis 350 Besuchern. Das ist nicht so viel wie im Vorjahr. Von den Abläufen her ist es aber gut. Wir haben eine Spitze zwischen halb eins und eins. Da sind die etwa 260 Sitzplätze belegt und es gibt eine kurze Wartezeit. Ansonsten bekommen alle Leute eine Sitzgelegenheit.

Haben Sie in diesem Jahr eher ihre Klientel erreicht?

Walter : Wir stellen fest, dass die bürgerliche Mitte etwas fehlt. Wir meinen, es sind mehr Menschen, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Das sind die Hauptbesucher. Wir machen aber ein Begegnungsprojekt, bei dem es schön wäre, wenn auch aus der Mitte viele Menschen da wären. Das macht das Projekt eigentlich aus. Wir schließen sie nicht aus, aber wir haben das Gefühl, dass sie sich selbst etwas ausschließen.

Woran kann das liegen?

Walter : Teilweise wohl an der Kritik vom Vorjahr und daran, dass man damals nicht deutlich dagegen gesprochen hat. Man hätte deutlicher machen müssen, dass die Leute gerne kommen dürfen. Man ist ja nicht verpflichtet, nur einen Euro zu bezahlen. Die Leute dürfen gern auch mehr für ihr Essen bezahlen. Wir gehen stark davon aus, dass die Kritik, einige wollten nur ein günstiges Mittagessen abgreifen, viele abhält.

Ist das nur eine Vermutung oder haben Sie von manchen Menschen so eine Begründung gehört?

Walter : Beim Infostand am 20. Februar auf der Inneren Brücke haben viele gesagt: „Sollen die hingehen, die es nötig haben.“ Das ist eine Sache, die wir nicht wollen. Aber wenn viele so denken, ist das der Grund für die momentane Situation. Nur wenige verbringen ihre Mittagspause in der Vesperkirche.

Zu den Kritikern im vergangenen Jahr gehörte der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Was haben Sie in diesem Jahr gehört?

Walter : Gehört nicht, aber gesehen: Der Kreisvorsitzende, Gerd Trautwein, hat uns aufgesucht und wollte sich alles anschauen, damit er ein Bild bekommt. Er hat danach nur Positives angemerkt. Allerdings denke ich, dass auch diese Kritik von 2009 dazu geführt hat, dass viele Leute in diesem Jahr wegge­blieben sind.

Vesperkirchen müssen sich auch immer wieder den Vorwurf anhören, dass sie zum Essenstourismus verleiten. Wie gehen Sie mit diesem Punkt um?

Walter : Ich würde eher von „Vesperkirchen-Tourismus“ sprechen, denn die Leute wollen nicht nur essen, sondern auch Gesellschaft haben. Manche sind zwei bis zweieinhalb Stunden da. In irgendeiner Form muss es sich für sie also rentieren. Ich finde das gut. Die Schließung der Stuttgarter Vesperkirche hat uns Zuwachs gebracht. Viele Leute vergleichen auch. Ich selbst habe 2008 ja in Stuttgart gearbeitet und treffe jetzt einige hier wieder.

Was sagen diese Menschen dann?

Walter : Sie sagen, dass es in Stutt­gart jetzt auch Tischdecken gibt (lacht). Und sie bemerken, dass sich dort etwas verändert. Aber die Atmosphäre ist generell eine andere durch die Größe und das Anstehen am Büffet. Man wird nicht bedient. Bei uns haben die Bedienungen Zeit, mit den Leuten zu reden. Generell ist es bei uns friedlich, harmonisch und viele Gäste bedanken sich beim Rausgehen.

Sie verlangen einen symbolischen Euro für ein Essen, das etwa sieben Euro kostet. Erhalten Sie ausreichend Spenden von denen, die es sich leisten könnten?

Walter : Das kann man schwer sagen. Wir haben anfangs bei 300 Essen etwa 800 Euro eingenommen. Das sind zirka 2,70 Euro. Dieser Betrag geht zurück. Jetzt, in den letzten Tagen der Vesperkirche, liegen wir bei 2,20 Euro. Man sieht den Besuchern außerdem ja nicht an, ob sie mehr bezahlen könnten.

Die Vesperkirche wird demnach auch in diesem Jahr wieder ein „Zuschussgeschäft“ sein.

Walter : Ja, aber sie ist ja auch nicht so konzipiert, dass sie sich aus den Einnahmen tragen soll.

Wäre es da nicht sinnvoll bisherige Kooperationspartner wie die Katholische Gesamtkirchengemeinde noch stärker einzubinden?

Walter : Wie die Regelungen zwischen den Partnern genau sind, ist mir unklar. Das wäre ein Wunsch für eine eventuelle Wiederholung. Jeder Partner sollte klar darlegen, welche Ressourcen er einbringt, beispielsweise finanzielle Mittel, Räume und Personal. Für die Tagesleitung ist es zum Beispiel schwierig im Krankheitsfall schnell eine Vertretung zu bekommen. Da muss ich die Kooperationspartner kritisieren. Es muss klar sein, was jeder einbringt.

Die diesjährige Vesperkirche wurde als Testlauf angekündigt, ob sich das Angebot verstetigen könnte. Wie stehen die Zeichen für 2011?

Walter : Darüber haben wir noch nicht konkret gesprochen. Dies erfolgt in einer Auswertung nach der Vesperkirche. Zu überlegen wäre, welche Zielgruppe angesprochen werden soll, wie die zeitliche Planung und wie die finanzielle Seite aussieht. Die Planung war in diesem Jahr zu kurzfristig. Man hatte zwar das Wissen vom Vorjahr, aber man braucht Zeit, zum Beispiel, um Mitarbeiter zu werben, für die Flyer oder um ein interessantes Kulturprogramm zusammenzustellen.

Sie hören sich mit der Organisation nicht besonders glücklich an.

Walter : Die Leitung eines Projekts mit so vielen unterschiedlichen Kooperationspartnern ist nicht einfach. Das kostet Energie und Zeit, die mir in diesem Maße nicht zur Verfügung gestellt wurde. Bei allen Unwägbarkeiten im Vorfeld bin ich mit der Durchführung der Vesperkirche, mit den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern und der Stimmung in der Kirche sehr zufrieden.

Zur Person

Volker Walter ist in Murrhardt geboren und wohnt auch heute im Schwäbischen Wald, in Großerlach. Mit Esslingen ist er seit seinem Studium der Sozialen Arbeit verbunden. Bereits von 2005 bis 2007 hat er beim Kreisdiakonieverband Esslingen ein Jugendprojekt geleitet, 2009 betreute er Ein-Euro-Jobber in Bernhausen. Seit Januar ist der 40-Jährige als Teamleiter für die Esslinger Vesperkirche verantwortlich. 2008 hat er bei der Vesperkirche in Stuttgart mitgearbeitet.

In der Vesperkirche wird noch bis Sonntag, 21. März, täglich von 12 bis 14 Uhr aufgetischt. Geöffnet ist von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr.

 

Artikel vom 19.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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