„In der Szene bin ich mittlerweile akzeptiert“
ESSLINGEN: Kerstin Weinland sucht Treffpunkte auf, an denen sich wohnsitzlose und mit sozialen Problemen kämpfende Menschen treffen
Einen Teil ihrer Klientel traf Kerstin Weinland in den vergangenen Wochen in der Vesperkirche, also der Frauenkirche. Mit steigenden Temperaturen wird 26-Jährige die Männer und Frauen, mit denen sie es zu tun hat, wieder unter freiem Himmel an bekannten Plätzen finden: am Busbahnhof, am Charlottenplatz, auf der Maille, in der Ritterstraße. Die Diplom-Sozialpädagogin (FH) sucht sie im Auftrag der Katholischen Gesamtkirchengemeinde als Streetworkerin auf.
„Ich bin in der Szene mittlerweile bekannt und akzeptiert“, sagt die junge Frau. Diese Szene setzt sich zusammen aus Obdachlosen, aus Menschen, die mit Arbeitslosigkeit, Schulden und Sucht kämpfen oder psychisch auffällig sind. Darunter sind auch Männer und Frauen, die zwar eigene vier Wände haben, es jedoch in ihrer Wohnung beziehungsweise Unterkunft nicht aushalten und der Einsamkeit entfliehen wollen. Ohne soziales persönliches Netzwerk, finden sie an den genannten Plätzen Ihresgleichen. „Diese Plätze werden zu ihrem Lebensmittelpunkt. Unter Freunden und Bekannten, die wie sie arm sind, fühlen sie sich nicht ausgegrenzt“, weiß die Streetworkerin.
Vertrauen erarbeitet
Allerdings sei es ein hartes Stück Arbeit gewesen, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen, seit sie im Mai vergangenen Jahres die 50-Prozent-Stelle angetreten hat. Ihre Vorgängerin Sabine Tränkle, mit der das Modellprojekt startete, hatte nach wenigen Wochen Esslingen überraschend verlassen, da sie andernorts eine Vollzeitstelle bekommen hatte.
Überall, wo Platte gemacht wird, sich also ihre Zielgruppe trifft, hat sie sich vorgestellt: am Bahnhof und an der Rampe am Güterbahnhof, am Charlottenplatz, im Schiller- und Merkelpark, am Ebershaldenfriedhof, in Hohenkreuz in der Barbarossastraße, am Lammgarten, in der Ritterstraße, in der Tiefgarage Marktplatz, auf der Maille und der Inneren Brücke. Meist sei sie freundlich begrüßt worden: „Da herrschte eine offene, gar nicht aggressive Grundhaltung.“ Allerdings habe es ein „szenetypisches Abchecken“ gegeben, also das Herantasten, ob sie möglicherweise „Spitzel“ für Ordnungsamt oder Polizei sei. „Rasch ist dann entdeckt worden, dass ich auf ihrer Seite stehe und ihnen helfen will.“ Die Betroffenen hätten ein feines Gespür dafür, ob man es ehrlich mit ihnen meine. Heute gebe es keine Distanz mehr zwischen ihnen - und das sei ganz wörtlich zu verstehen: „Da werde ich bei der herzlichen Begrüßung am Ärmel gezogen oder man winkt mir von weitem schon freundlich zu.“ Möglich sei dies nur dank Kontinuität und Präsenz: „Das ist das A und O. Man muss immer zuverlässig sein und immer Wort halten.“
Angegliedert an St. Vinzenz
Dank dieser konsequenten aufsuchenden Straßensozialarbeit schafft Kerstin Weinland es, dass diese oft nicht ganz einfache Klientel nicht nur alltagspraktische Unterstützung annimmt wie einen Schlafsack, ein Besteckset oder die Praxisgebühr. Die Betreffenden hören zu, wenn die 26-Jährige ihnen niederschwellige Hilfeangebote unterbreitet und schildert, welche Möglichkeiten es in Esslingen gibt. Die Streetworkerin weiß Bescheid über die materielle Grundversorgung, also über die Existenzsicherung, sie motiviert, selbst etwas zu unternehmen, um die individuelle Lebenslage zu verbessern, beispielsweise dadurch, dass man die Finger vom Alkohol lässt und wie das hinzubekommen ist. Sie kann bei Krisen eingreifen, hat auch schon verhindert, dass ein Obdachloser völlig verwahrlost. Und Kerstin Weinland weiß Rat, wenn sich für einen Obdachlosen etwas als große Hürde darstellt, die sich dank ihrer guten Vernetzung leicht wegschieben lässt. Denn ob Amt für Sozialwesen, Jobcenter, Träger von Arbeitsmaßnahmen, Kliniken, Unterkunft- und Wohnmöglichkeiten oder eben der von der Katholischen Gesamtkirchengemeinde getragenen Tagestreff St. Vinzenz, an den die Stelle „Streetwork“ angegliedert ist - überall hat sie sich vorgestellt, damit man sie kennt.
Auch Sabine Dorsch, Abteilungsleiterin im Bereich öffentliche Sicherheit beim städtischen Ordnungsamt, hat die Telefonnummer von Kerstin Weinland „mit der Option, sie zu kontaktieren. Aber das werden seltene Einzelfälle sein“. Denn seit vor knapp einem Jahr die Polizeiverordnung verschärft wurde und an verschiedenen Plätzen ein Alkoholverbot herrscht, verhänge der kommunale Ordnungsdienst bei Verstößen durchaus ein Bußgeld: „Wir müssen die Verordnung umsetzen, auch wenn hinter einem Betroffenen vielleicht eine traurige Lebensgeschichte steht.“ Trotzdem wertet sie es sehr positiv, mit Weinland eine für die Szene kompetente Ansprechpartnerin zu haben.
Zusammenarbeit mit andern Stellen
Umgekehrt hat die Streetworkerin positive Erfahrungen mit dortigen Mitarbeitern gemacht und vom Ordnungsdienst ein-, zweimal Unterstützung bekommen: Etwa um ein gesundheitsgefährdendes Lager zu entfernen, während der Obdachlose in einem Krankenhaus war: „Der hätte sich nach seiner Rückkehr sofort wieder mit etwas angesteckt.“ Die Streetworkerin macht allerdings deutlich, dass sie keine „Handlangerin“ von Polizei oder Ordnungsamt ist, sondern mit diesen Behörden wie mit allen Einrichtungen zusammenarbeitet, die mit ihrer Zielgruppe in irgendeiner Art und Weise zu tun haben.
Das zunächst auf drei Jahre begrenzte Streetwork-Projekt wird über die Aktion Mensch (75 Prozent) und den Freundeskreis des Tagestreffs St. Vinzenz (25 Prozent) finanziert.



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