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Der Widerstand wächst

ESSLINGEN: Veranstaltung der Grünen zu Stuttgart 21 findet großes Interesse - Scharfe Kritik an dem Vorhaben

  Der Stuttgarter Hauptbahnhof vor sechs Wochen: Heftige Proteste begleiten den Startschuss für Stuttgart 21. Die Gegner lassen bis heute nicht locker. Auch in Esslingen versuchen sie, das Vorhaben noch zu kippen. Archivfoto: dpa
 

Der Stuttgarter Hauptbahnhof vor sechs Wochen: Heftige Proteste begleiten den Startschuss für Stuttgart 21. Die Gegner lassen bis heute nicht locker. Auch in Esslingen versuchen sie, das Vorhaben noch zu kippen. Archivfoto: dpa

 
Montag für Montag protestieren 3000 Menschen in der Landeshauptstadt gegen Stuttgart 21. Obwohl der Startschuss für das Vorhaben gefallen ist, geben die Gegner nicht auf. Auch in Esslingen wächst der Widerstand, wie am Donnerstag eine Veranstaltung der Grünen gezeigt hat. 200 Menschen erlebten im Alten Rathaus, wie die Kritiker kein gutes Haar an dem Projekt ließen.

Von Hermann Dorn

Während Stuttgart 21 die Bevölkerung und Politik in der Landeshauptstadt spaltet, hat das Vorhaben in Esslingen bislang keine große Rolle gespielt. Auch von den Grünen war dazu bislang nicht viel zu hören. Das könnte sich ändern. Der Versuch, ein Jahr vor den Landtagswahlen den Widerstand zu entfachen, erlebte am Donnerstag einen vielversprechenden Auftakt. Wolfgang Drexler, der als Mister Stutt­gart 21 für die umstrittenen Investitionen wirbt und im Wahlkreis Esslingen gleichzeitig seinen Wiedereinzug in den Landtag anstrebt, muss sich auch vor Ort auf eine heiße Auseinandersetzung einstellen.

Die Ausgangsposition war am Donnerstagabend klar. Wie erwartet, wiederholten Michael Holzhey, Matthias Lieb und Andrea Lindlohr auf dem Podium die bekannten Argumente, die ihrer Ansicht nach für einen Ausstieg sprechen. Als Hauptkritiker trat Holzhey auf, der in Berlin als Verkehrsexperte einer Beratungsfirma arbeitet. Er stuft Stutt­gart 21 als krasse Fehlinvestition ein. In verkehrspolitischer Hinsicht handelt es sich für ihn um einen völligen Irrweg. Dass die Kosten schöngerechnet worden sind, steht für ihn außer Zweifel. Holzhey ist überzeugt, dass die öffentliche Hand auf ein finanzielles Desaster zusteuert.

Ganz ähnlich sieht es Lieb. Der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) wirft den Befürwortern vor, für eine Fahrzeit von 28 Minuten zwischen Stuttgart und Ulm unvertretbar hohe Investitionen zu tätigen. Nach seiner Einschätzung helfen die kürzeren Fahrzeiten den Bahnkunden nur bedingt weiter. „Im Fernverkehr wird es beim Umsteigen am nächsten Bahnhof nur zu längeren Wartezeiten kommen.“ Lieb empfiehlt die Schweiz als Vorbild. Dort schaue man sich erst den Fahrplan an und denke dann über Investitionen nach. „In Deutschland ist es umgekehrt.“

Esslinger Befürchtungen

Andrea Lindlohr vom Landesvorstand der Grünen sieht dem Bahnprojekt mit Sorge entgegen. „Ich fürchte, dass der Fahrplan für die Esslinger schlechter wird.“ Wenn die Züge zwischen Stuttgart und Tübingen verstärkt über den Flughafen fahren, drohten Esslingen negative Folgen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bahn und das Land zusätzliche Züge einsetzen, um einen Ausgleich zu schaffen.“ Aus ihrer Sicht haben die Esslinger fast „noch mehr Anlass als die Stuttgarter, sich zu wehren“.

In der mehr als zweistündigen Veranstaltung wirft vor allem Holzhey den Befürwortern immer wieder vor, den Dialog zu verweigern. „Sie immunisieren sich gegen Kritik.“ Für sich und seine Mitstreiter nimmt er in Anspruch, für den Versuch zu stehen, die Diskussion auf eine rationale Ebene zu heben. Ansichten, die seiner Wahrnehmung widersprechen, kanzelt er als Schwachsinn ab. Diese Formulierung verwendet er, als er von Moderatorin Susanne Lüdtke auf ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Ortwin Renn angesprochen wird. Dessen These, beim Widerstand gegen Stuttgart 21 schwinge auch die Angst vor dem Verlust der Heimat mit, wischt er empört vom Tisch.

Obwohl es sich um eine Diskussionsveranstaltung handeln soll, haben die Organisatoren darauf verzichtet, einen eigenen Beitrag zum Dialog zu leisten und einen erklärten Befürworter von Stuttgart 21 auf das Podium zu bitten. Die Frage einer Besucherin - „Wo ist denn Herr Drexler?“ - bleibt unbeantwortet. Weil die Gegner bei dieser Ausgangslage unter sich bleiben, konzentriert sich die Diskussion mit zunehmender Dauer auf die Frage, wie Stuttgart 21 noch zu kippen ist. Einigkeit herrscht, dass der Protest fortgesetzt und intensiviert werden muss. Holzhey weckt dabei Hoffnungen, die Bahn könnte bei andauernden Negativschlagzeilen doch noch aussteigen.

 

Artikel vom 13.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (2)

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17.03.2010 21:24 von K. Neumann

Gute Frage aus dem Publikum, die nach dem Herrn Drexler. Ich bin der Meinung, dass solche Vollprofis sich auch unangenehmeren Duskussionen zu stellen haben und nicht nur unter den Ihrigen "Kante" zeigen. Auch würde ich gerne von Herrn Drexler wissen, ob er das schön findet, wie sich die neue Strecke durch unser schönes Albvorland fräsen wird. Denn an S 21 hängt ja noch ein wenig mehr, als nur der strittige Stuttgarter Bahnhof. Und dann bin ich dafür, dass Politiker an solchen Dingen nicht nur verdienen, sondern auch haften, wenn wie Herr Bayer es hier beschreibt ganz offensichliche Risiken der Kostenausweitung in Millardenhöhe bestehen. Im übrigen wurden nicht alle notwendigen Tiefbohrungen ausgeführt, um dieses Problem abzudecken, vielleicht auch, weil man das Problem zur Kostenausweitung haben möchte? Da kommt schon der Verdacht auf bei einem solchem Procedere. In solchen zweifelhaften Fällen mit möglichen Milliardenkosten in Folge sollten Herr Drexler und Co. auch mit Haus und Hof samt Pension haften und nicht nur die Kohle daraus nach Hause fahren. Ich weiss, ich weiss, in Falle Drexler nur der lächerliche Klacks von rund 1000 Euro im Monat fürs Kantezeigen. Man könnte von diesen Leuten darüber hinaus erwarten, dass Sie sich der Diskussion in den neuen Medien stellen, weil so manchen Bürger auch der Sachverstand seine Volksvertreter interessieren würde. Unter der Schuldensituation wie gegegeben, haben wir nur einen Schuss frei, wie man so sagt. Und da sollte das Geld nicht für totes Kapital mit nicht wägbaren Kosten und auch Folgekosten verpulvert werden, sondern in das investiert werden, was dieses Land trägt und wo der Vorsprung gegenüber Indien und China immer dünner wird: geistiges Kapital. Aber wie an S21 zu sehen, ist dieses wohl schon so auf der Strecke geblieben, dass man fast denken muss, es ist eine fünfte Kolonne am Werk, die dieses Land ein für alle Mal zerstören möchte.

14.03.2010 11:55 von W. Bayer

Wer Stuttgart 21 für einen Wahnsinn hält, bei dem Milliarden verbuddelt, wertvoller Lebensraum und ein wundervoller Park mit vielen hundert über einhundert Jahre alten Bäumen (die zwei Weltkriege überstanden haben und an denen sich nicht einmal in diesen Notzeiten und kalten Wintern die Bürger vergriffen haben!!!) zerstört werden, sollte sich als Parkschützer eintragen: www.parkschuetzer.de Die Stuttgarter Mineralquellen sind ebenso in Gefahr. Außerdem birgt der Stuttgarter Untergrund Anhydrit (ja, wie bei Staufen im Breisgau - Sie erinnern sich: die Stadt wächst Monat für Monat einen Zentimeter in die Höhe. Einige Häuser sind bereits unbewohnbar). Aus diesem Grund wurde vor 50 Jahren die zweite Röhre des Wagenburgtunnels NICHT gebaut. Dieses Projekt S21 ist grob fahrlässig! Die Kosten sind geschönt und sie werden uns, unseren Kindern und Kindeskindern aufgebürdet. Dieses Prestigeprojekt muss gestoppt werden. Sofort. Den es geht nicht um einen Bahnhof sondern Grundstücke und Immobilien. Lobbyisten sind hier am Werk. Das hat nichts Mit Demokratie zu tun. Deshalb jeden Montag zur Demo um 18 Uhr am Nordausgang. Wir snd hier, wir sind laut, weil man uns die Stadt versaut. Nur sich regen stoppt Sägen.


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