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Mit Farben, Formen und Tönen zum Erfolg

ESSLINGEN/ZüRICH: Dybuster AG bietet Software für Legastheniker an - „Es fehlt die Anleitung zum Verständnis“

  Im Farbspiel muss der Anwender jeweils auf den richtigen Farbbutton klicken, damit das Spiel ohne Fehlermeldung weiterläuft. Später muss das so Gelernte in Rechtschreibübungen umgesetzt werden.Screenshot: Dybuster
 

Im Farbspiel muss der Anwender jeweils auf den richtigen Farbbutton klicken, damit das Spiel ohne Fehlermeldung weiterläuft. Später muss das so Gelernte in Rechtschreibübungen umgesetzt werden.Screenshot: Dybuster

 

Seit ein paar Monaten hat die Schweizer Dybuster AG eine Zweigstelle in der Esslinger Kanalstraße. Von dort aus soll Tanja Wrage die Software hierzulande bekannter machen, die das Unternehmen vor einigen Jahren für Legastheniker entwickelt hat. Dybuster wirbt mit der Neuerung, viele Sinne anzusprechen. Ein Therapeut findet daran aber auch Kritikpunkte.

Von Stephanie Danner

Für den Laien sieht das Programm zunächst kompliziert aus. „Es ist komplex, aber nicht kompliziert“, sagt Wrage, die Ansprechpartnerin für Eltern, Therapeuten und Schulen ist. Neu an Dybuster sei, dass es von Informatikern und Neuropsychologen gemeinsam auf wissenschaftlicher Basis entwickelt worden sei, erklärt Mirjam Flühler. Sie ist als pädagogische Leiterin bei dem Unternehmen in Zürich beschäftigt. Das multisensorische Lernen werde mit der Software möglich. Darunter versteht man das Lernen über verschiedene Sinne. Farben, Formen und Töne werden eingesetzt, um die Buchstaben im Gedächtnis zu verankern. „Legastheniker sind in einem bestimmten Bereich schwächer als andere“, erläutert Flühler. Sie seien aber auch in der Lage, das Defizit zu kompensieren. Manche Kinder könnten nur eine begrenzte Zahl an Bildern pro Sekunde aufnehmen. Andere hätten Probleme, ähnlich klingende Laute wie D und T auseinanderzuhalten.Viele Therapieansätze seien ursachenorientiert, sagt Flühler. Dabei werde nur das Defizit des Legasthenikers behoben. Über Dybuster würden die schwachen Stellen gestärkt und „gleichzeitig ein direkter Bezug zur Rechtschreibung hergestellt“. Da hat Bernd Kaufmann, der zur Leitung des Esslinger Legasthenie-Instituts gehört, Bedenken: In der Vorstellung von Dybuster werde davon gesprochen, dass das Gehirn mit Hilfe der Software in der Lage sei, „Informationen verschiedener Kanäle im Gehirn zu verknüpfen“. „Wenn es darum gehen soll, mit Farb- und Formsignalen sowie akustischen Signalen Schreibweisen zu trainieren, dann ist das wohl ein computergestütztes ,Merk's dir‘ e_SDLq , sagt Kaufmann. Vergleichbar sei das dann mit dem Üben mittels Lernwortkarteien. Ein Verstehen-Lernen der Schreibweisen, um die Fertigkeiten der Kinder zu verbessern, finde so nicht statt.

Dybuster ist in drei Bereiche aufgeteilt, zunächst kommt das Farbspiel. Dabei werden den Buchstaben Farben zugeordnet: So ist das M rot oder das G blau. Jede Farbe ist mit einem Ton hinterlegt, Klein- und Großbuchstaben sowie Umlaute sind durch Formen gekennzeichnet. Nach und nach prägen sich die Kinder die Buchstaben ein. Im folgenden Graphspiel geht es um die Silben und die Zahl der Buchstaben pro Silbe. Es schließt sich das Lernspiel an, dessen Ziel die richtige Rechtschreibung ist.

Bleistift und Papier heißt Blockade

Unterstützung erhält der Anwender in sämtlichen Spielen durch akustische Signale. Wird falsch geklickt, ertönt ein Fehlersignal. Das prompte Feedback werten Wrage und Flühler als sehr wichtig. Ebenso sei das spielerische Element nicht zu unterschätzen, sagt die Schweizer Pädagogin. „Wenn Legastheniker Bleistift und Papier sehen, haben sie sofort eine Blockade.“ Am PC sei das entspannter. „Außerdem ist er emotionslos, er schimpft nicht, übt keinen Druck aus“, erklärt Flühler. Während einer Sequenz - nach 20 Minuten erinnert das Programm daran, dass das Lernpensum reicht - arbeitet ein Kind selbstständig. Dennoch überwacht das Programm die Fehler. „Wer häufig B und P verwechselt, erhält öfter entsprechende Aufgaben gestellt“, erläutert Wrage. Genau das kritisiert Kaufmann: So werde vielleicht das Merken gefördert, es fehle aber die Anleitung zum Verständnis des jeweiligen Sprachsachverhaltes. „Ein Aufklären von Fehlleistungen findet nicht statt“, sagt der Therapeut, der selbst mit dem Laut-analytischen Rechtschreibsystem arbeitet. Dabei würden die sprachlichen Zusammenhänge erläutert und begreifbar gemacht, bevor man trainiere.

Regelmäßiges Üben ist wichtig, betont die Dybuster AG, und meint damit drei bis vier Mal pro Woche. In ihrem Ansatz bestätigt fühlen sich die Entwickler der Software durch eine wissenschaftliche Studie, die 2006 in der Schweiz durchgeführt wurde. Dort ist die Software seit knapp drei Jahren auf dem Markt. Mittlerweile seien 3500 Lizenzen verkauft, erklärt Flühler.

Legasthenie

Unter Legasthenie (altgriechisch: legein - sprechen, lesen, schreiben, auslegen; und astheneia - Schwäche; also: unfähig sein, auszulegen) versteht man eine massive und lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache. Sie ist auch bekannt als Lese-Rechtschreibstörung, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit, kurz: LRS.

Die betroffenen Personen (Legastheniker) haben Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen zur geschriebenen Sprache und umgekehrt. Als Ursache werden eine genetische Disposition, Probleme bei der auditiven und visuellen Wahrnehmungsverarbeitung, der Verarbeitung der Sprache und vor allem bei der phonologischen Bewusstheit angenommen. Die Störung tritt isoliert auf, sie entsteht, ohne dass es eine plausible Erklärung wie eine generelle Minderbegabung oder schlechte Beschulung gibt.

Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich von Legasthenie betroffen sind, ist schwer zu sagen. Je nach Studie und Erhebungsverfahren schwankt die Zahl zwischen vier und zehn Prozent der Grundschulkinder.

 

Artikel vom 11.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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