Blick über den Zaun sorgt für Unbehagen

ESSLINGEN: Freie Wähler wollen Googles Kamerafahrten stoppen - Bürger können Widerspruch einlegen

 

Mit solchen Kamerafahrzeugen ist Google auch in Esslingen unterwegs. Das Straßennetz soll damit möglichst lückenlos fotografiert werden.Foto: dpa
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Mit solchen Kamerafahrzeugen ist Google auch in Esslingen unterwegs. Das Straßennetz soll damit möglichst lückenlos fotografiert werden.Foto: dpa

 

Seit 2008 ist der Internetkonzern Google mit Kameras in Deutschland unterwegs, um alle Straßen des Landes zu fotografieren und die Bilder ins Internet zu stellen. Datenschützer haben allerdings Bedenken gegen „Google Street View“. Auch in Esslingen regt sich Widerstand: Die Freien Wähler fordern die Verwaltung zum Handeln auf.

Von Kornelius Fritz

Wer schon immer einmal einen Spaziergang durch New York, London oder Prag machen wollte, braucht dafür das heimische Wohnzimmer nicht zu verlassen. Mit „Google Street View“ kann man am Computer virtuell durch Straßen und Parks schlendern, sieht Sehenswürdigkeiten und herausgeputzte Plätze ebenso wie verstopfte Straßen und schmutzige Ecken. Aus Sicht von Google ist das Ganze viel mehr als eine Spielerei: Urlauber könnten so vor der Buchung nachschauen, ob ihr Hotel wirklich so ruhig gelegen sei, wie im Katalog beschrieben; wer eine Wohnung suche, könne nachschauen, in welcher Umgebung sich die angebotenen Objekte befinden, und Rollstuhlfahrer wüssten schon vorher, ob ein Gebäude einen barrierefreien Eingang hat. Also alles bestens? Nicht ganz, denn in Deutschland, wo die Bilder voraussichtlich Ende des Jahres ins Internet gestellt werden sollen, regt sich schon seit längerem Widerstand.

 

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Blick über die Gartenzäune

Auch die Freien Wähler in Esslingen haben das Thema nun entdeckt. In einem Antrag an die Verwaltung fordern sie die Stadt auf zu prüfen, ob man Google seine Kamerafahrten durch Esslingens Straßen verbieten kann. Sie spüre ein „gewisses Unwohlsein“, wenn sie daran denke, dass Google massenhaft Fotos von Häusern und Gärten ins Internet stelle, ohne deren Besitzer um Erlaubnis zu fragen, sagt Stadträtin Annette Silberhorn-Hemminger. Dass Google verspricht, Personen und Autokennzeichen im Internet unkenntlich zu machen, genügt ihr nicht: „Google verfügt ja trotzdem über die Originaldaten, und wir wissen nicht, was damit passiert“, sagt Silberhorn-Hemminger.

Außerdem seien die Kameras auf den Autos in einer Höhe montiert, dass sie über Zäune und Gartenmauern hinweg fotografierten: „Da geht der Blick in die Privatsphäre“, findet die Stadträtin.

Bei Google verweist man hingegen darauf, dass man zusammen mit Datenschützern bereits einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zum Schutz der Privatsphäre entwickelt habe. „Soweit diese Maßnahmen nicht ohnehin für Street View vorgesehen waren, werden sie derzeit umgesetzt“, sagt Lena Wagner, Pressesprecherin von Google Deutschland. Dazu gehört zum Beispiel, dass jeder Bürger schon vorab widersprechen kann, dass sein Haus bei „Street View“ gezeigt wird. Die entsprechende Stelle werde dann auf den Fotos im Internet und auch in den Rohdaten geschwärzt.

Die meisten Bilder sind im Kasten

Das Fotografieren selbst will sich Google aber nicht verbieten lassen: Man bewege sich auf öffentlichen Straßen und benötige deshalb keine Genehmigung, heißt es bei dem Internetdienstleister. Auch Esslingens Rathaussprecher Roland Karpentier glaubt, dass ein Verbot der Kamerafahrten, wie es der Gemeinderat von Kernen im Remstal beschlossen und dem Unternehmen per Brief mitgeteilt hat, nicht viel bewirken würde: „Nach einer ersten Einschätzung unserer Juristen ist das kaum zu verhindern“, sagt er. Wobei es dafür ohnehin fast zu spät sein dürfte, denn laut Google ist das Gros der Bilder längst im Kasten. Wenn jetzt noch Kamera-Autos unterwegs seien, gehe es nur noch darum, letzte Lücken zu schließen.

So bleibt wohl auch den Esslingern nicht viel mehr übrig, als auf eine grundsätzliche juristische Klärung zu hoffen. Denn selbst unter Experten gehen die Meinungen weit auseinander: Während ein Professor der Universität Hannover Google kürzlich bescheinigte, „Street View“ sei rechtlich einwandfrei, äußerten zwei Gutachter vom Karlsruher Zentrum für Angewandte Rechtswissenschaften massive Bedenken.

Der beste Schutz sei im Moment wohl, wenn möglichst viele Hausbesitzer bei Google Widerspruch einlegten, glaubt Annette Silberhorn-Hemminger. Die Gemeinde Kernen hat dafür sogar einen Musterbrief im örtlichen Mitteilungsblatt abgedruckt und Sammelboxen in den Rathäusern aufgestellt. „Das wäre vielleicht auch eine Idee für Esslingen“, findet die Stadträtin.

Google Street View

„Street View“ ist Teil des werbefinanzierten Online-Kartendienstes „Google Maps“. Mit dieser Zusatzfunktion können Nutzer statt der klassischen Ansicht aus Karten und Satellitenbildern auch Fotos der Straßenzüge aufrufen. Der detaillierte Rundum-Blick zeigt Häuser, Autos und Fußgänger. An dieser Detailfülle haben sich in einigen Ländern Kontroversen entzündet. Die für „Street View“ benötigten Bilder macht das Unternehmen, indem es Autos mit einer Spezialkamera durch die Straßen fahren lässt. Die Geräte sind auf einer Dachkonstruktion in 2,50 Meter Höhe installiert. Die einzelnen Bilder werden bei der Aufnahme mit Informationen über den Standort versehen und zu einer Gesamtansicht zusammengestellt. Der Dienst ist in einigen Ländern nahezu flächendeckend verfügbar, darunter die USA. In Europa deckt Google unter anderem große Teile von Spanien, Italien, Frank­reich und den Niederlanden ab.

Wer verhindern möchte, dass ein Foto seines Hauses bei „Google Street View“ zu sehen ist, kann der Veröffentlichung widersprechen: per E-Mail: streetview-deutschland@google.com oder schriftlich unter der Adresse: Google Germany GmbH, Betreff: Street View, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg. Einen Musterbrief und weitere Informationen stellt das Bundesverbraucherschutzministerium unter http://dpaq.de/K7rSL  zur Verfügung.

Artikel vom 11.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (4)

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11.03.2010 15:25 von Y

Street View ist eine Spielerei und nicht mehr, aber sie kann schädlich sein.

Alle Pro-Argumente wie z.B. "Urlaubshotel vorher anschauen" sind erfunden. Was nützt den Urlauber, wenn er auf Street View veraltete Bilder sich anschaut? Die Baustelle kann z.B. vor kurzem begonnen haben. Ob die Zimmer sauber oder laut, oder ob das Essen genießbar ist, dürften die Hauptfragen einer Hotelauswahl sein. Die Antworten kann uns kein Street view liefern.

Diese Spielerei hat allerdings einzelne geschadet, wenn ich an dem nackten Mann aus Finnland denke der hinter seinem Zaun in seinem privaten Garten saß. Auch das Argument mit Einbrechern ist nicht von der Hand zu weisen. Sind die Fenster vergittert, gibt es eine Alarmanlage......alles Punkte die ein Einbrecher nur sehen kann, wenn er mit einer Leiter sonst über den Zaun oder Hecke schaut.

Wer braucht eingentlich diesen Dienst, für reine Wohngebiete, außer Gaffer oder Einbrecher? Welcher Tourist plant seinen Urlaub in Wohngebiete der Vorstädten?

11.03.2010 11:50 von Ch. Engels

Google-Street-View (GSV) ist eindeutig ein kommerzielles Projekt. Das ganze geschieht mit dem Hinwies darauf, dass man sich im öffentlichen Raum bewege! Daran schließt sich aber die Frage an, was sind das für Menschen, die mit einer Kamera auf einer 4 m hohen Stange über die Zäune von Schwimmbädern, Kindergärten, Schulhöfen, etc. schauen? Es sind Spanner, die – wenn sie großes Glück haben – von den Betroffenen in der Regel lediglich festgehalten und angezeigt werden. Aber G will spannen, knipsen, speichern und dann sogar veröffentlichen. Erst danach habe der Betroffene das Recht der Veröffentlichung zu widersprechen. Das ist aber defacto folgenlos, da sich bereits zu diesem Zeitpunkt die Bilder nicht mehr allein auf dem G-Server befinden, sondern überall dort, wo Dritte es vertwittert haben. Warum warnen denn alle „Experten“ davor eigene Bilder vom letzten Besäufnis ins Netz zustellen? Weil kein Mensch das wieder ungeschehen machen kann! G will die Daten anonymisieren. Das genügt nicht! Es ist bei dieser Datenmenge unausweichlich, dass für die Aufgenommenen unangenehme Aufnahmen (vulgo „Schnappschüsse“) durch die Kontrollen ins Netz schlüpfen. Des Weiteren wird damit das „Recht-am-eigenen-Bild“ defacto abgeschafft. Wenn G jederzeit von jedermann zu kommerziellen zwecken Bilddaten anfertigen und speichern darf, dann ist doch die Nutzung dieses Archives – wozu auch immer – nicht mehr zu verhindern! Wie will man den künftig den „Photoamateur und Kinderfreund“ auf dem Spielplatz, vor der Schule und im Schwimmbad belangen, wenn G das Recht hat jederzeit und überall Kinder ohne Einwilligung der Eltern zu photographieren, die Daten zu speichern etc. … was haben Eltern und Juristen dann noch an Einwirkungsmöglichkeiten?

11.03.2010 10:49 von RGB

Wenn die Aktionisten unter uns meinen, da einen Zwergenaufstand proben zu müssen, nur weil schon lange nichts mehr über einen in der Zeitung stand - bitteschön, viel Erfolg!

Ich möchte, dass mein Haus fotografiert wird!

11.03.2010 09:44 von RP

Wenn wir gerade dabei sind, machen wir doch gleich bei den Satelliten- und Luftbildern weiter. Die Millionen Fotoapparate und Videokameras nicht zu vergessen. Man kann die Paranoia auch übertreiben. Immer dieser blinde Aktionismus, der bei unseren "Volksvertretern" meistens auf Hörensagen basiert.


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