Nächtliche Diskussionen an der Kasse
ESSLINGEN: Kunden haben nur wenig Verständnis für das Verkaufsverbot alkoholischer Getränke - Tankstellen beklagen Umsatzeinbußen
Seit Monatsanfang dürfen in Baden-Württemberg an sämtlichen Verkaufsstellen zwischen 22 und 5 Uhr keine alkoholischen Getränke mehr verkauft werden. Betroffen sind vor allem die Tankstellen. Doch es gibt Ausnahmen. Wer nämlich eine Lizenz für den so genannten Gassenschank hat, darf weiterhin Alkohol verkaufen. Und so sorgt die Regelung auch bei den Kunden im Kreis Esslingen für Unverständnis.
Blonde lange Haare, Stöckelschuhe, enge Jeans und schon leicht wankend, daher angelehnt an den Begleiter, zeigt die junge Frau auf eine blaue Flasche und eine rote Flasche Wodka sowie auf ein paar Mixgetränke. Die will sie alle haben, gibt sie zu erkennen. Es ist Samstagnacht, 24 Uhr in der Esso Tankstelle in der Ulmer Straße. Es ist viel Betrieb. Drei Angestellte kümmern sich um Kasse und Bistro. Die Frage nach dem Ausweis der jungen „Wodka-Dame“ wirkt unbeholfen. Der Sprit geht über die Theke. Der Laden brummt. Denn es hat sich schon herum gesprochen, wo es noch etwas zu trinken gibt. „Ich war so froh, als mein Chef mit diesem Zettel winkte“ gibt Sandra Kiesel erleichtert zu. Denn die Angestellte der Esslinger Tag- und Nacht-Tankstelle hält die Genehmigung nach Paragraph 2 des Gaststättengesetzes in der Hand. Demnach darf diese Tankstelle auch in der Nacht Alkohol verkaufen.
Keine harten Sachen
Anders sieht es an der Shell-Station in Nellingen aus. „Der Umsatzeinbruch ist riesig, mein Chef bräuchte eine Genehmigung, das geht so nicht“, sagt Samet Sackan, der Nachtschicht schiebt. An der Kühltheke hängt ein weißes Schild, auf dem der Kunde über das Verkaufsverbot informiert wird. „Besonders wenig Verständnis haben die Kunden, die unter der Woche nach 22 Uhr von der Arbeit kommen und ihr Feierabendbier hier kaufen wollen“, erzählt Sackan. Nur einige hundert Meter entfernt betreibt Alexander Heinze eine Aral-Tankstelle. Er darf seinen Kunden bis 3 Uhr nachts Alkohol verkaufen, weil er eine Schanklizenz besitzt. Heinze hat seine Mitarbeiter angewiesen, Alkohol nur in kleinen Mengen zu verkaufen, harte Sachen dürfen gar nicht durch den Nachtschalter. Die beiden hintereinander gelegenen Tankstellen unterscheiden sich innen kaum. Sie haben beide einen Bistrobereich mit Theke und Tischen, Sanitäranlagen und Spielautomaten.
Wie schwierig die Situation derzeit für die Angestellten der Nachttankstellen ist zeigt sich am Samstagabend bei Michael Hüger. Er hilft bei einer Shell Tankstelle in Deizisau aus. „Der Kunde hat mich gefragt, ob es hier auch keinen Alkohol gibt und hat dann einfach aus Protest eine Flasche Bier aus dem Regal genommen, aufgemacht und hier ausgetrunken.“ Hüger wollte keinen Streit und hat von dem wütenden Mann das Geld verlangt. Boniert wird das Bier in dem Fall dann von der Frühschicht.
Dem Vernehmen nach basteln manche Tankstellenpächter gerade an einem Abholsystem. Der Kunde kann sich vor 22 Uhr mit Gutscheinen eindecken, die Ware ist somit schon bezahlt und kann dann nach Belieben, auch nach 22 Uhr, abgeholt werden. Die Fantasie der Pächter kennt kaum Grenzen, schließlich geht es für sie um den verlorenen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Einzelhandel, der meist um 22 Uhr schließt. Tankstellen finanzieren sich zu einem großen Teil aus den Umsätzen der Shops.
An der OMV-Tankstelle am Flughafen reagieren die Kunden eher gelassen auf das Verbot. Umsatzrückgänge erwartet man aber auch hier. An der Tankstelle mit Biolebensmitteln im Angebot arbeitet Erol Erdogan. Er geht hier seinem Zweitjob nach. Zu ihm kommen Samstagsnachts schon mal die Kollegen vom Vorfeld nach der letzten Schicht. „Die haben dafür kein Verständnis“, weiß er. Und in der nächsten halben Stunde wird er wieder drei Kunden vertrösten, sich immer wieder für die Gesetze des Landes entschuldigen und bei dem Versuch statt Bier Limonade zu verkaufen, erfolglos bleiben.



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