„Der Tag ist wichtig - ganzjähriges Tun auch“
KREIS ESSLINGEN: Frauen verschiedener Berufsgruppen äußern sich zum Weltfrauentag
Vor 99 Jahren hat die deutsche Sozialistin Clara Zetkin erstmals einen Frauentag initiiert - allerdings erst am 19. März. Zum internationalen Gedenktag wurde der 8. März schließlich im Jahr 1921. Doch noch heute können viele Frauen „ihrem“ Tag etwas abgewinnen. EZ-Redakteurin Stephanie Danner hat dazu Frauen verschiedener Berufsgruppen und eine Schülerin befragt. Die Sportlerin : Irina Kolpakowa, Zweitliga-Handballerin vom TV Nellingen, erzählt, dass der Tag in ihrem Heimatland Weißrussland wichtig ist. „Damit bin ich groß geworden. Mein Papa hat meiner Mama immer Blumen geschenkt.“ Ihr eigener Mann bringe ihr an diesem Tag auch Blumen mit. „Das ist fast wie am Muttertag.“ Wichtig findet sie, dass es einen Tag gibt, der auf Gleichberechtigung hinweist. „Er muss auch heute noch bestehen.“
Die Unternehmerin : Elli Roderburg-Schnierle, Geschäftsführerin des Autohauses Jesinger, hält persönlich nicht viel von einem speziellen Frauentag. „Mit einem Tag ist es nicht getan“, findet sie. Es sei täglich ein Stück harte Arbeit, sich in einer Männerdomäne wie der ihren durchzusetzen. „Da muss man sich jeden Tag durch sein Tun beweisen“, sagt die Geschäftsfrau. Allerdings wolle sie als Frau auch keine Vorschusslorbeeren oder besonders behandelt werden. „Denn das wäre ja auch keine Gleichberechtigung.“
Die Erzieherin : Christine Kögel vom Kinderhort Stadtmitte in der Hindenburgstraße findet den Weltfrauentag nach wie vor zeitgemäß. Auch ihr fällt im Berufsleben auf, dass es „bisher keine wirkliche Gleichberechtigung gibt“. Sowohl für Löhne als auch für Berufsbilder treffe das zu. So seien sehr wenige Männer als Erzieher tätig, „obwohl sie als Vorbild für die Kinder sehr wichtig wären“. Neben Bezahlung und Aufstiegschancen macht sie vor allem auch das Prestige bestimmter Berufsgruppen dafür verantwortlich. „Oft fehlt die Anerkennung eines Berufs. Damit kommen Frauen wohl eher zurecht als Männer.“
Die Politikerin : Für die Bundestagsabgeordnete Karin Roth hat der Tag große persönliche Bedeutung. „Bis Ende der 1970er-Jahre war es ein vergessener Tag.“ Unter diesem Titel habe sie damals auch einen Artikel in der IG-Metall-Zeitung veröffentlicht, der kontrovers diskutiert worden sei. „Seither haben sich die Frauen zum Glück bewegt, viel verändert und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt.“ Für sie sei der Weltfrauentag aber weiterhin von großer Bedeutung, weil noch lange nicht gelte: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. „Es ist ein Skandal, dass Frauen bis zu 30 Prozent weniger verdienen als Männer“, sagt sie. Beeindruckt sei sie auch von Frauen in anderen Ländern. „In Afrika etwa sind sie die Trägerinnen des Fortschritts und des Engagements.“
Die Pfarrerin : Mechthild Hannig von der Kirchengemeinde Hohenkreuz hat festgestellt, dass ihr persönlich der Weltgebetstag der Frauen wichtiger ist als der Frauentag. An diesem Tag - immer der erste Freitag im März - „funktioniert Ökumene rund um die Erde, quer durch Schichten und Konfessionen“. In gewisser Weise sei auch dieser Tag von emanzipatorischer Bedeutung. „In den 50ern mussten die Frauen drum kämpfen, dass sie den Tag in der Kirche feiern durften.“ Ob eine Bewusstseinsänderung durch einen Frauentag gelingt, hält sie für fraglich. „Es gibt viel zu tun, in Lohnfragen oder bei der Rolle von Männern in der Familienarbeit. Aber das ist ein langer Weg.“
Die Schülerin : Jenny Keller aus Denkendorf ist der Ansicht, dass man einen Frauentag in Deutschland nicht mehr unbedingt braucht. Zwar gebe es noch immer Gehaltsunterschiede und unterschiedliche Aufstiegschancen für Frauen und Männern, aber: „Es ist wichtig, dass man das ganze Jahr über engagiert ist. Nicht nur einmal im Jahr.“ Dennoch findet sie, dass es notwendig ist, an einem Tag im Jahr auf das Schicksal von Frauen in der ganzen Welt aufmerksam zu machen. „Vor allem in Ländern, wo sie diskriminiert und erniedrigt werden und keine Rechte haben.“



