„Mit einfachen Mitteln viel erreichen“
ES-ST. BERNHARDT: Helle und Gottfried Riedel arbeiteten über Jahrzehnte für die Lepra-Mission und würden es jederzeit wieder tun
„Wir würden es jederzeit wieder so machen“, sind sich Helle und Gottfried Riedel einig. Trotz aller Entbehrungen und Anstrengungen will das Ehepaar die Jahrzehnte im Dienst der Lepra-Mission vor allem in Indien und Bhutan, aber auch in Nepal, Bangladesch und Tansania nicht missen. Heute mit weit über 80 Jahren sammeln und sichten der Mediziner und seine Frau in ihrem Haus in St. Bernhardt Briefe, Bilder und Dokumente, um ihr ereignisreiches Leben aufzuschreiben.„Schon in der Schulzeit faszinierten mich Missionsärzte wie Albert Schweitzer“, erzählt Gottfried Riedel. So lag für den heute 88-Jährigen ein Medizinstudium nahe. In Tübingen lernte er seine Frau Helle kennen, die Kunstpädagogik und Biologie studierte. Sie sagte sofort zu, als ihr Verlobter sie bat, mit ihm in die Mission zu gehen. „In meiner Familie gab es viele Missionare“, erzählt sie. Darunter ihr Großvater und ihr Urgroßvater, der Missionar Gottfried Weigle aus Esslingen-Zell. Auch ihr Vater, der Kirchenhistoriker Heinrich Hermelink, sei von dem Vorhaben begeistert gewesen, erzählt die 87-Jährige.
„Nicht tun, als wäre nichts passiert“
Nicht nur der Glaube motivierte das junge Paar. „Wir wollten die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich ein Stück weit wieder gutmachen. Wir konnten nicht so tun, als wäre nichts passiert, und ein ganz normales Leben führen“, so Gottfried Riedel. Nach vier Jahren als Assistenzarzt am Esslinger Krankenhaus reiste er 1951 nach Indien - zunächst ohne seine Frau, die mit den drei kleinen Kindern erst ein Jahr später nachkommen durfte. In Esslingen entstand aus dem Unterstützerkreis für das Paar der deutsche Zweig der Lepra-Mission, in deren Vorstand Riedel viele Jahre mitarbeitete.
In Chevayur im Bundesstaat Kerala leitete Riedel bis 1966 das Lepra-Spital und baute es zu einem Reha-Zentrum aus. Ganz selbstverständlich arbeitete Helle Riedel mit: Sie übernahm nicht nur die Aufsicht über die Apotheke und machte mit den Patienten Physiotherapie, sondern assistierte ihrem Mann bei Operationen und kümmerte sich auch um die Schulkinder in Chevayur. „Nebenbei“, sagt Gottfried Riedel, habe sie während der Zeit in Indien auch noch vier weitere Kinder zur Welt gebracht.
Dass die älteren Kinder schon früh in Internate in Indien und später zur weiteren Schulausbildung zu Verwandten nach Esslingen geschickt werden mussten, sei für alle schwer gewesen, erinnern sich die Eltern.
Während sie in Indien ihren Glauben ungehindert leben konnten, war das in Bhutan, ihrer nächsten Station, ganz anders. Dort baute Riedel von 1966 bis 1968 im Auftrag der Regierung die Lepra-Arbeit auf. Auch viele Allgemeinpatienten galt es zu versorgen. „Es war uns streng verboten zu missionieren“, erzählt Gottfried Riedel. Doch das war gar nicht Ziel der beiden Deutschen. „Die Leute sollten durch das, was wir tun, merken, was unsere christliche Haltung ausmacht“, sagt Helle Riedel.
Während die Lebensbedingungen in Bhutan viel karger und schwieriger waren als in Indien, faszinierte Helle Riedel dort die Landschaft und die Beziehungen zur königlichen Familie, der die Lepra-Arbeit sehr am Herzen lag. „Mit einfachen Mitteln viel erreichen, das war eine Herausforderung“, erzählt Riedel von selbst konstruierten Gestellen, mit denen Beinbrüche ruhiggestellt wurden. Erfindungsreichtum brauchte auch seine Frau, um den Alltag oft ohne Strom, Heizung oder richtige sanitäre Anlagen zu organisieren. Und doch kehrten sie 1982 nach Jahren in Esslingen mit Begeisterung nach Bhutan zurück, um für vier Jahre die Lepra-Arbeit zu koordinieren und eine flächendeckende Arbeit auf den Dörfern aufzubauen. Dafür gab Gottfried Riedel seine Arztpraxis in Esslingen-Sulzgries in andere Hände.
Abenteuerlust und Unternehmergeist müsse man mitbringen, um solch ein Leben zu führen, aber auch Anpassungsbereitschaft und Halt in Familie und Glaube. Gottfried und Helle Riedel sind überzeugt, dass sie ihre Talente gut eingesetzt haben.



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