Erfolgreich im Untergrund
ES-SIRNAU: Kiesel Bauchemie wurde vor 50 Jahren gegründet - Gleich nach der Wende in den Osten gegangen
Wenn ein Haus gebaut wird, sind sie unverzichtbar, doch wenn das Gebäude fertig ist, ist von den Produkten der Firma Kiesel nicht mehr viel zu sehen. Die Klebstoffe des Esslinger Unternehmens sorgen dafür, dass die Fliesen nicht von der Wand fallen und das Parkett nicht verrutscht. Angefangen hat der Spezialist für Bauchemie vor 50 Jahren aber mit einem anderen Produkt.
Einer schwarzen, zähflüssigen Masse verdankt die Firma ihre ersten Erfolge. „Kaltmuffenkitt“ heißt das Produkt, das Otto Kiesel ab 1959 mit einer Handvoll Mitarbeiter in der Beutelsbacher Straße in Untertürkheim produzierte. Dieser Kitt wurde verwendet, um Kanalrohre miteinander zu verbinden und musste im Gegensatz zu den bis dahin verbreiteten Produkten nicht erhitzt werden. Im Bauboom der 60er-Jahre kam diese Innovation gut an und Kiesel, der vom Erfinder die Lizenz für Süddeutschland erworben hatte, machte gute Geschäfte.
Von Berkheim nach Sirnau
1962 zog die Firma mit rund 15 Mitarbeitern nach Berkheim. Doch schon wenig später stand das Unternehmen am Scheideweg: Inzwischen waren Rohre entwickelt worden, die man einfach ineinander stecken kann - der Kitt war kaum noch gefragt. Otto Kiesel hatte daraufhin die Idee für einen „Blitzzement“, der in fünf Minuten aushärtet. Wenig später kam als weiteres Produkt ein Klebemörtel hinzu. „Das Gute daran war, dass wir unseren alten Kundenkreis, den Baustoffhandel, behalten konnten“, erinnert sich Wolfgang Kiesel, der Sohn des Firmengründers. Dank des neuen Chefchemikers Volker Zacharias machte sich Kiesel fortan mit immer neuen Produkten einen Namen als Spezialist für die Baubranche.
Die Firma wuchs und musste sich Anfang der 80er-Jahre erneut nach einem neuen Standort umschauen. Im Industriegebiet Sirnau baute Kiesel eine hochmoderne Produktionsstätte. Der alte Firmensitz in Berkheim sollte ursprünglich verkauft werden, später entschied sich Wolfgang Kiesel, der die Firma seit dem Tod seines Vaters 1983 weiterführte, jedoch dazu, den Standort zu behalten und zur „Denkfabrik“ umzubauen. Heute befinden sich dort die Forschungs- und Entwicklungsabteilung und ein Schulungszentrum.
Ein Meileinstein in der Unternehmensgeschichte markierte das Jahr 1989. Als am 9. November die Mauer fiel, saß Wolfgang Kiesel vor dem Fernseher und dachte: „Da will ich dabei sein.“ Schon wenig später machte er sich auf die Suche nach einem Kooperationspartner in der DDR und fand ihn in Tangermünde in Sachsen-Anhalt. Dort befand sich eine Fabrik, die Leim aus Tierknochen herstellte. „Es hat dort unglaublich gestunken“, erinnert sich Kiesel, doch zu den Verantwortlichen fand der Firmenchef schnell einen guten Draht.
Aus dem Kooperationspartner, der die Kiesel-Produkte zunächst in Lizenz produzierte und vertrieb, wurde 1991 eine Niederlassung der Firma Kiesel, die noch heute existiert. So profitierte das Unternehmen voll von dem Baumboom, der nach der Wende einsetzte. Dass er so früh den Schritt in den Osten gewagt hat, bezeichnet Wolfgang Kiesel rückblickend als „meine größte unternehmerische Leistung“.
Firma will selbstständig bleiben
Natürlich bekam Kiesel auch den Einbruch der Baukonjunktur Ende der 90er-Jahre zu spüren. Durch die Erschließung neuer Märkte im Ausland sei es aber gelungen, die Umsätze weitgehend stabil zu halten, berichtet Wolfgang Kiesel. Heute erzielt das Unternehmen mit 110 Mitarbeitern einem Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro, 30 Prozent stammen aus dem Export. In einer Branche, die von großen Konzernen dominiert wird, will Kiesel auch in Zukunft selbstständig bleiben, „obwohl das Interesse an uns immer sehr groß war“, wie der Firmenchef verrät. Die dritte Generation steht schon in den Startlöchern: Kiesels hat vier Kinder, seine zweite Tochter Beatrice leitet bereits die Marketing-Abteilung.



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