Mädchen erobern Technik
ESSLINGEN: Praxisparcours in der Herderschule
Da werden Segmente aus Knetkugeln geschnitten, Leitungen isoliert, Servietten gefaltet und Überweisungsträger ausgefüllt. Obwohl an manchen Tischen auch kaufmännische oder gestalterische Fähigkeiten getestet werden, dient das Projekt vor allem dazu, Mädchen für technische und handwerkliche Berufe zu begeistern. Wenn ihnen die Schwellenangst genommen wird, eröffnet sich ihnen bei der Berufswahl ein viel weiteres Terrain. Beurteilen dürfen sie sich auf dem Bewertungsbogen selbst. Die 20 Begabtesten erhalten eine Einladung zum eintägigen Bewerbungs- und Behauptungstraining: Um sich in männerdo- minierten Berufen durchzusetzen, braucht Frau Selbstbewusstsein.
Gegen die Selbstunterschätzung
Initiiert und gefördert wird der Praxisparcours vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, organisiert von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (EVA). Bis Ende 2009 nehmen in Baden-Württemberg 6600 Mädchen und 4800 Jungen der Klassen acht bis zehn von Haupt- und Realschulen am Projekt teil. Jungs und Mädchen durchlaufen die 18 bis 20 Stationen getrennt. „Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Projektleiterin Ulrike Doktorczyk. „Jungen gehen an die Aufgaben selbstbewusster und draufgängerischer heran als ihre Klassenkameradinnen. Mädchen unterschätzen sich.“ Dann aber zeigen sie oft mehr Sorgfalt und Ausdauer. „Wenn sie aus einem 33 Zentimeter langen Draht eine Blume mit 10 Zacken biegen können, überlegen sie sich vielleicht, Feinwerkmechanikerin zu werden“, weiß Ulrike Doktorczyk.
Noch immer stehen bei den Mädchen die klassischen Frauenberufe wie Friseurin, Erzieherin und Bürokauffrau hoch im Kurs. „In meinen rund 15 Berufsjahren haben sich nur zwei bis drei Mädchen für einen handwerklich-technischen Beruf entschieden“, erzählt Lehrerin Ursula Pflüger von der GHS-Wäldenbronn. Konstantina hat ihrem Vater, der bei Daimler in der Autoproduktion beschäftigt ist, schon mal über die Schulter geschaut. „Das ist richtig schwere Arbeit, aber es gibt dort auch Frauen“, sagt sie. In der neunten Klasse der Lerchenäckerschule sind die kaufmännischen Berufe besonders beliebt. „Fast alle Mädchen wollen ins Büro“, erklärt Selina. Nur für Manuela aus der achten Klasse ist klar, dass sie sich anders entscheiden wird. „Ich will Schreinerin werden“, sagt sie und deutet auf den Schlüsselanhänger aus Holz, den sie beim Praxisparcours gesägt und per Lötkolben mit ihrem Namen versehen hat. „Solche Sachen machen mir einfach Spaß.“



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