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Gesang der Steine

ES-KENNENBURG: In der Aerpah-Klinik wird mit Hilfe von Klangsteinen therapiert - Erlebnis für alle Sinne

  Wenn Hannes Feßmann seine Hände befeuchtet und dann langsam über den schwarz-glänzenden Stein streicht, entlockt er ihm eine Vielzahl an Klängen. Selbst der Boden vibriert von den Schwingungen.Foto: Rudel
 

Wenn Hannes Feßmann seine Hände befeuchtet und dann langsam über den schwarz-glänzenden Stein streicht, entlockt er ihm eine Vielzahl an Klängen. Selbst der Boden vibriert von den Schwingungen. Foto: Rudel

 

Von Stephanie Danner

Hannes Feßmann taucht seine Hände in eine Schale mit Wasser und benetzt anschließend den vor ihm stehenden schwarzen Stein. Wie eine Skulptur sieht dieser aus, glänzend, die Oberfläche geschwungen, mehrere Lamellen hineingesägt. Langsam und mit sanften Bewegungen be­ginnt der junge Mann, über den Stein zu streichen, und entlockt dem scheinbar toten Gegenstand Töne, die in der Musik keine Namen haben. Leise beginnt der Stein zu singen, erst tief brummend, dann weich an- und abschwellend und schließlich hoch und fast schon klirrend. Die Töne klingen nach. Irgendwann ist jeder Winkel des Raumes davon ausgefüllt, selbst über dem Fußboden ist die Musik zu spüren. Es schwingt, vibriert. Dieses körperliche Erspüren der Klänge wird seit einem Jahr ganz gezielt eingesetzt: In der Aerpah-Klinik wird mit den Klangsteinen therapeutisch gearbeitet. Gemeinsam mit dem dortigen Direktor Martin Runge, der medizinische Erkenntnisse einfließen ließ, hat Feßmanns Vater, der Musikprofessor Klaus Feßmann, diese Therapieform entwickelt. Die entspannende, meditative Wirkung der Klangsteine kann jeder wahrnehmen, der einmal dieser Musik gelauscht hat. Bei internationalen Konzerten treten Hannes und Klaus Feßmann, der am Mozarteum in Salzburg Komposition lehrt, gemeinsam auf.

Der Körper atmet innerlich auf

Die Vibration der Steine, ausgelöst vom Streichen über die Lamellen, wirkt sich auf den gesamten Körper aus. So gibt es in den Räumen der Aerpah-Klinik einen Klangstein, der wie eine Säule auf einer Steinplatte steht. Setzt sich der Patient auf einen Hocker vor die Stehle und lehnt mit dem Rücken an, kann er nach und nach Schwingungen spüren. Eine Besucherin der „Montagsklänge“, die einmal im Monat für Interessierte in der Klinik stattfinden, beschreibt ihr Empfinden als „inneres Aufatmen“. Durch die Vibration können beispielsweise Muskelverspannungen gelöst, Bronchialverschleimungen gelockert oder der Stoffwechsel angeregt werden.

Außerdem unterstützt die Klangsteintherapie motorische Fähigkeiten. Wer selbst darauf spielt, kann hören, ob er im Takt ist und sich gleichmäßig bewegt. Durch die Bewegung wiederum werden Muskeln, beispielsweise in den Armen und am Rumpf, trainiert. Ganz beeindruckende Erlebnisse habe sie dabei mit gelähmten Patienten gehabt, erzählt Ergotherapeutin Christine Ehmann-Reul. Liegen die gekrümmten Finger der gelähmten Hand auf dem Klangstein, strecken sie sich manchmal sogar während des Spielens mit der gesunden Hand. „Faszinierend ist, was die Patienten danach erzählen“, sagt Ehmann-Reul, die selbst Klangsteintherapeutin ist. Die Menschen spüren plötzlich, dass ihre Hand, ihr Arm noch da ist. Selbst nachts empfänden manche noch ein Kribbeln.

Für die Therapie stehen in der Aerpah-Klinik fünf Klangsteine zur Verfügung. Gerne wird der so genannte Partnerstein verwendet, an dem sich zwei Menschen gegenüber sitzen. Gemeinsam müssen sie ihren Takt finden, entscheiden, wer den Rhythmus des Spiels vorgibt, ob mit beiden Händen darüber gestrichen wird oder nur mit einer. „Konzentration und Aufmerksamkeit ist dafür notwendig“, erklärt Hannes Feßmann. „Sich auf Neues einzulassen, reizt viele Patienten.“ Weil die Kommunikation zwischen den beiden Spielenden nonverbal stattfindet, sei der Partnerstein gut für demente Menschen geeignet, ergänzt Ehmann-Reul.

Außerdem werden Patienten nach Schlaganfall oder auch Parkinson-Erkrankte damit therapiert. Selbst mit Kindern, die an AD(H)S leiden, habe man schon Erfahrungen gesammelt. „Wichtig ist, dass man Zeit hat“, sagt Feßmann. Zwar scheint es zunächst einfach, dem Stein Klänge zu entlocken, doch muss der Spielende viel Gefühl einbringen. Zu viel Druck oder zu schnelle Bewegungen führen nicht zum Erfolg. „Jeder Stein muss erst eingespielt werden“, erläutert der Klangsteinspezialist. Den teils 60 Kilogramm schweren Instrumenten aus Marmor, Travertin, Serpentin oder Granit Eigenarten und Töne zu entlocken, dauere oft Wochen, Monate oder gar Jahre.

Die Töne liegen in der Hand

Je nach Handbeschaffenheit klingt der Stein. „Ein Zimmermann mit relativ harter Haut wird andere Töne zustande bringen als ein Töpfer, der viel mit Wasser arbeitet“, erklärt Feßmann. Ebenso spielt es eine Rolle, mit welchem Teil der Hand leichter Druck ausgeübt wird: Der weiche Ballen erzeugt die tiefen Töne und somit Vibration, Knöchel sind für die hohen Töne zuständig.

Bislang ist die Klangsteintherapie ein Bestandteil von Therapiekonzepten der Aerpah-Klinik. Das Projekt wird von Professor Niels Birbaumer vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen wissenschaftlich begleitet. Dadurch erhoffen sich der Mediziner Runge sowie der Pianist und Klangkünstler Feßmann letztlich auch Unterstützung ihrer Idee durch die Krankenkassen. Ziel soll es Hannes Feßmann zufolge sein, Klangsteinzentren in Reha-Kliniken zu etablieren.

Über die Privatambulanz an der Aer­pah-Klinik können Termine für die Klangsteintherapie vereinbart werden, Tel. 0711/39 05-306 oder -354. Die Kosten von 30 Euro pro halbe Stunde müssen privat getragen werden.

Interessierte können immer am zweiten Montag des Monats um 18 Uhr im Klangsteinzentrum bei den „Montagsklängen“ selbst sehen, hören und fühlen, wie man die Steine zum Klingen bringt.

Außerdem gibt es Seminare für angehende Klangsteintherapeuten.

www.klangsteintherapie.de

 

Artikel vom 13.08.2009 © Eßlinger Zeitung

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