„Ein flüchtiger Betrachter denkt, da klebt ein Pflaster“
ESSLINGEN: Stomaträger werden in der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum intensiv aufgeklärt und betreut
Elf Jahre lang quälte er sich mit schweren Darmentzündungen herum, ließ im halbjährlichen Abstand Operationen im Analbereich über sich ergehen und ertrug schlimme Schmerzen. Heute hat der 34-jährige Philipp Merker einen künstlichen Darmausgang, ein Dickdarmstoma, und sagt rückblickend: „Wenn ich gewusst hätte, was das für ein Segen ist, hätte ich das viel früher machen lassen.“ Denn ob reisen, Sport treiben oder das Herumtollen mit seinen beiden Kindern: Beeinträchtigt fühlt er sich von dem künstlichen Darmausgang, der eine dauerhafte Verbindung des Darms an die Oberfläche der Haut schafft, absolut nicht.Doch als Merker mit gerade einmal 16 Jahren angesichts einer langwährenden entzündlichen Darmentzündung von den Ärzten gesagt bekam, dass bei ihm „alles auf ein Stoma rauslaufen wird“, war das für ihn in diesem Alter „eine Horrorvorstellung“. Zumal er eben nicht zu jenen Patienten gehörte, bei denen ein Stoma nur vorübergehend angelegt wird: „Bei 80 Prozent der Patienten kann wieder rückverlegt werden“, sagt Professor Ludger Staib, der Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Esslinger Klinikum. Er weiß, dass die Anlage eines Stomas „vom Neugeborenen bis zum Hundertjährigen in Frage kommen kann“.
Ein Stück Normalität geht verloren
Staib kann nachvollziehen, was die Anlage eines Dauerstomas für die rund 34 000 Patienten bedeutet, bei denen in Deutschland jährlich eine solche Operation durchgeführt wird: „Das ist ein tiefer Einschnitt in die Persönlichkeit. Mit einem künstlichen Darmausgang geht für jeden Patienten ein Stück Normalität verloren. Es bedeutet Kontinenzverlust und ein verändertes Körperbild. Die Angst vor dem Alltag mit einem Stoma ist riesengroß.“ Neben der oft unheilbaren Krankheit stelle das Stoma selbst eine große psychische Belastung dar. Eine intensive Aufklärung und Betreuung der Patienten seien deshalb das A und O in Zusammenhang mit einer Operation. „Vom ersten Moment an bis zu dem Zeitpunkt, an dem er nach Hause geht, habe ich Kontakt mit dem Patienten“, sagt Erika Hartkopf. Sie arbeitet als Stoma-Therapeutin eng mit Professor Staib zusammen und hilft bei der Stoma-Eingewöhnung und bei hartnäckigen Ernährungs- und Pflegeproblemen. Sie ist es auch, die sich nach der Vorgabe des Mediziners, ob das Stoma links oder rechts angelegt werden soll, mit dem Patienten den besten Sitz dafür sucht. Hartkopf: „Früher ist ein Stoma häufig recht lieblos angelegt worden. Oft hat man gedacht, das sei ja eine vorübergehende Sache und deshalb egal, wo es sitzt. Aber das stimmt nicht. Ein gut sitzendes Stoma bedeutet für den Betroffenen eine viel höhere Lebensqualität.“
Ob im Sitzen, Stehen oder Liegen - das Stoma soll seinen Träger möglichst wenig einschränken, sich harmonisch in die individuellen Körperproportionen einfügen und später nicht von der Kleidung behindert werden. Zwei mögliche Stellen werden auf der Haut des Patienten angezeichnet, die endgültige Entscheidung fällt im Operationssaal: „Wir in Esslingen arbeiten immer mit Anzeichnen. Das wird längst nicht in allen Kliniken gemacht“, weiß Ludger Staib.
10 bis 20 Patienten betreut Erika Hartkopf monatlich auf Station. Sechs bis acht Betroffene kommen regelmäßig zu den von ihr angebotenen Sprechstunden. Und das, „obwohl viele Betroffene mehr wissen als der Hausarzt, denn sie gehen ja Tag für Tag damit um“ (Staib). „Wenn ich Probleme habe, komme ich zu Frau Hartkopf. Und auch, um mich über Neuheiten zu informieren, denn immer wieder kommen neue Artikel auf den Markt“, sagt Philipp Merker. Probleme kann es zum Beispiel geben, wenn man außer Acht lässt, dass manche Lebensmittel stark abführend, andere stopfend oder blähend wirken. Faserhaltiges wie Pilze, Nüsse, Orangen oder Spargel können zu einem Darmverschluss führen. „Es braucht Zeit, bis man Vertrauen hat, dass das Stoma zuverlässig sitzt und die Umwelt nichts merkt. Aber man bekommt Routine“, versichert Merker.
Gerüche lassen sich vermeiden
Und Manfred Jooß, Vorsitzender des Deutschen ILCO Landesverbands Baden-Württemberg (siehe Anhang), ergänzt: „Das Versorgen des Stomas gehört irgendwann zum Alltag wie das Zähneputzen. Die Toilette dauert eben zehn Minuten länger.“ Jooß weiß aber auch, dass gerade ältere Menschen „lieber zuhause bleiben aus Furcht, die Stomaanlage könnte undicht werden“. Doch die große Angst vor Gerüchen und Geräuschen sei bei einem gut angelegten Stoma völlig unbegründet, beteuert Frank Hartkopf, Dozent an der Esslinger Krankenpflegeschule und wie seine Frau Stoma-Therapeut. So würden Kohlefilter Geruchsstoffe absorbieren, die etwa durch Darmgase entstehen: „Die Umgebung riecht also nichts.“ Auch Duschen und Baden seien problemlos möglich, da die Systeme im Wasser fest haften. Selbst aufs Schwimmen und Tauchen müssten Betroffene nicht verzichten. Frank Hartkopf: „Es gibt Badehosen, die die Stelle verdecken. Doch gerade jüngere Leute sind mutig, decken die Stelle nicht ab. Ein flüchtiger Betrachter denkt, dass da ein Pflaster klebt.“
Agnes Hartkopf weiß, dass viele Frauen neben den körperlichen Veränderungen die Angst vor Attraktivitätsverlust plagt, Scham- und Minderwertigkeitsgefühle entstehen und immer wieder die Frage auftaucht, was wohl der Partner dazu sage, „wenn er mich mit einem Stomabeutel sieht“? Doch es gebe mittlerweile „sehr schöne Dessous“, mit denen ein Stoma kaschiert oder von ihm abgelenkt werden könne, weiß die Stoma-Therapeutin. Und ergänzt: „Eine Stomaanlage bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Thema Sexualität erledigt ist.“
rund um die Stoma-versorgung
Der häufigste Grund für einen künstlichen Darmausgang (anus praeter) sind Darmkrebserkrankungen. Auch Morbus Crohn (chronisch entzündliche Darmerkrankung), Colitis ulcerosa (chronische, schubweise verlaufende Entzündung des Dickdarms) oder Durchblutungsstörungen des Darms sowie angeborene Fehlbildungen können diesen Schritt erforderlich machen. Ein vorübergehend angelegtes Stoma hat meist die Aufgabe, nach einer Operation das Darmgewebe zu schonen, indem der Stuhl vor dem operierten Darmabschnitt abgeleitet wird. Diese Umleitung kann in den meisten Fällen problemlos zurückverlegt werden.
Stoma-Patienten können ihren Stuhlgang nicht mehr kontrollieren, die wichtigste Aufgabe der Stomaversorgung ist deshalb die Aufnahme von Stuhl und Gasen. Die Stomaversorgung besteht immer aus einer auf der Bauchdecke aufzuklebenden Basisplatte und einem daran befestigten Beutel, der die Ausscheidungen aufnimmt.
Die Deutsche ILCO, ein eingetragener Verein, wurde 1972 gegründet. Sie ist die Solidargemeinschaft von Stomaträgern (Menschen mit künstlichem Darmausgang oder künstlicher Harnableitung) und von Menschen mit Darmkrebs sowie deren Angehörigen. Der Name ILCO leitet sich von den Anfangsbuchstaben der medizinischen Bezeichnungen Ileum (Dünndarm) und Colon (Dickdarm) ab.
Deutsche ILCO Landesverband Baden-Württemberg e.V., Haußmannstraße 6, 70 188 Stuttgart, Tel. 07 11/64 05 702, E-Mail:ilco-stgt@t-online.de, Homepage: www.ilco.de
Die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum Esslingen bietet Stomapatienten nach telefonischer Anmeldung unter Tel. 07 11/31 03-26 11 montags alle 14 Tage eine Sprechstunde an (mit Überweisung des Hausarztes).



Artikel kommentieren