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G ERNST SCHRADE üBER SEINEN EINSATZ IN WINNENDEN G

„Die Last war fast mit den Händen zu fassen“

ESSLINGEN: Der Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle im Kreis Esslingen hat nach dem Amoklauf von Tim K. Schüler und Lehrer der Albertville-Realschule betreut

 
 
 

Von Claudia Bitzer

Ein Schreckensszenario aus einer anderen Welt. Ein amerikanischer Horrortrip. Weit weg vom eigenen Alltag - trotz der räumlichen Nähe. Eigentlich undenkbar - trotz Erfurt und Emsdetten: So haben viele Menschen in der Region Stuttgart an jenem 11. März 2009 den Amoklauf des 17-jährigen Tim K. empfunden, der in Winnenden und Wendlingen mit der Beretta seines Vaters binnen vier Stunden das Leben von 15 Menschen ausgelöscht und sich dann selbst erschossen hatte. Für Ernst Schrade (56), Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle im Landkreis Esslingen, war das so Unvorstellbare hingegen durchaus im Bereich des Möglichen. „Es mag vielleicht komisch klingen. Aber wir Schulpsychologen bereiten uns seit fünf Jahren, also seit dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium, auf solche Ereignisse vor.“ Es gab nach Erfurt Verordnungen und Krisenpläne, wie man in solchen Fällen vorgehen soll. „Doch dass tatsächlich so etwas im eigenen Haus passieren könnte - dieser Gedanke wurde nach wie vor von vielen Schulen weit weggeschoben“, sagt Schrade. „Uns Schulpsychologen war indessen immer bewusst, dass so etwas auch bei uns geschehen kann. Wir haben viele Fortbildungen zu dieser Thematik gemacht. Ich hatte also schon eine Vorstellung davon, was da passiert.“

Der 11. März 2009 begann für ihn wie ein normaler Mittwochmorgen - mit der Ausnahme, dass zufälligerweise er und seine fünf Kolleginnen „Innendienst“ hatten. An jenem Tag hätte eine Hotline der Schulpsychologischen Beratungsstelle geschaltet werden sollen. Doch dann schickte das Regierungspräsidium die E-Mail des Kultusministeriums mit der Amokmeldung aus der Winnender Albertville-Realschule auf die Bildschirme in der Esslinger Augustinerstraße. Wann das war, weiß der Schulpsychologe nicht mehr genau. „Aber die Nachricht kam sehr früh.“ Erst einmal abwarten und dem Tagesgeschäft nachgehen hieß die Anweisung aus Stuttgart angesichts der ungewissen Nachrichtenlage - und ja keine Auskunft in dieser Angelegenheit über die Hotline.

Dann kam die Mail, dass der Täter auf der Flucht sei. „Und dann die Meldung, dass Wendlingen betroffen sei.“ Zwei seiner Kolleginnen, die mittlerweile auf dem Weg zu Schulterminen in Nürtingen waren, konnte Schrade mit dem Handy noch rechtzeitig abfangen. Sie stiegen in Wendlingen aus dem Zug. Er selbst fuhr nach Köngen. „In beiden Fällen ging es darum, dass Schüler wie Lehrer mit der ungeheuren Situation fertig werden mussten, plötzlich akut gefährdet zu sein.“ Ein abgeriegeltes Einkaufszentrum, in dem Wendlinger Schüler ihre Pause verbrachten, ein Hubschrauber, der permanent über der Köngener Schule kreiste, aufgewühlte Eltern, die ihre Kinder aus der Schule holten...

In das Chaos wieder etwas Ordnung zu bringen, „das war dort unsere Aufgabe“. Die Botschaft der Psychologen - und das galt auch für die gesamte Arbeit: In so einer unnormalen Situation ist alles normal. Vom Weinkrampf über das „Dauer-Quasseln“ bis zur totalen Gefühlsblockade. Ernst Schrade hat an diesem und den darauf folgenden Tagen das gesamte Reaktionsspektrum zutiefst menschlicher Erschütterung erfahren.

Am Tag nach dem Massaker wurde er wie viele seiner Kollegen nach Winnenden abgeordnet. In der Hermann-Schwab-Halle hatte man eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Dort kümmerte er sich unter zahlreichen anderen Helfern speziell um die Lehrer. Es war ein dramatischer Tag. „In der Frühe war noch nicht klar, welche Schülerinnen ermordet waren. In einer Zeitung wurde ein Mädchen für tot erklärt, das nur verletzt war. Und noch nicht alle Lehrer wussten, dass drei Kolleginnen unter den Toten waren. Wir haben versucht, die Lehrer intensiv und verlässlich zu begleiten.“ Auch in solchen extremen Situationen helfen Strukturen: ein Extra-Treff in einem Extra-Raum, eine „sehr gute Kooperation“ mit den Notfallseelsorgern, die die Ankömmlinge schon am Eingang in Empfang nahmen, und mit allen anderen Helfern.

Ein Mädchen kam hilfesuchend zu Schrade. Ihre Schwester saß in einer der Klassen, in die der Täter feuerte, ihre Nebensitzerin ist tot. Sie weine nur noch, keiner dürfe sie ansprechen, sie traue sich nicht mehr alleine auf die Toilette, geschweige denn aus dem Elternhaus. Schrade schaffte es nach vielen Stunden, mit ihr sogar bis zum Schulgebäude zu gehen.

Am intensivsten hat Schrade den Freitag empfunden. Da standen die Namen der Opfer fest, da brachen Trauer und Schmerz erst richtig durch. „Die Last war fast mit den Händen zu fassen.“ Halt gab „die Halle als Treffpunkt“.

Es waren auch für den Seelenhelfer von Berufs wegen Tage, die ihn in ihrer Dichte an die äußerste Grenze brachten. „Wir waren in der Spitze 60 bis 70 Schulpsychologen vor Ort. Es waren aber auch sonst alle da, die mit Krisenintervention zu tun hatten.“ Eine Woche zuvor leitete der Esslinger noch eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema Tod, Trauer, Krise. „Wer von uns hätte gedacht, dass man sich so schnell wiedersieht“, wurde er von einem Kollegen aus Freiburg begrüßt.

Man hat sich gegenseitig professionell unterstützt. Dennoch konnte Schrade nach einem Tag Köngen und zwei Tagen Winnenden eine weitere Lehrbucherfahrung in der Praxis verifizieren. „Aus der Literatur wusste ich, dass man spätestens nach zwei Tagen aus so einer extremen Belastungssituation raus muss. Und das stimmt. Am Freitagmittag war bei mir wirklich Feierabend, ich war emotional tief erschöpft.“ Er ging - und kam wieder. Immer in einem ähnlichen Turnus. „Bis 31. März war ich nur in Winnenden eingesetzt.“

Mit der offiziellen Trauerfeier am 21. März in der Borromäus-Kirche war die erste Schockphase abgeschlossen, die Zeitungen berichteten nicht mehr auf ganzen Seiten über den Ort. Es war wieder Schulpflicht - und die meisten Schüler waren froh darum, wieder in einen gewissen Alltag eingebettet zu sein. Als Wochen einer „sehr berührenden Hilfsbereitschaft“, in der durch das schreckliche Geschehen „die Relativierung aller Werte“ spürbar wurde, hat Schrade diese Zeit erlebt. Jede Schulstufe bekam jetzt drei bis vier, teilweise sogar acht Schulpsychologen zugeordnet. Die Schüler konnten bei Bedarf den Unterricht verlassen und ihre Hilfe suchen. „Der Lehrer lässt versehentlich ein Buch fallen, es knallt auf den Tisch - und alles schrickt zusammen“, beschreibt Schrade typische Nachwirkungen des 11. März im Klassenzimmer. „Man darf ja nie vergessen: Alle kannten den Menschen, der da plötzlich ins Klassenzimmer kam und mehrfach geschossen hat, er war ihnen ja vertraut, er war ja mal einer von ihnen.“

Schrade war anfangs für die Neuner zuständig, auch für die massiv betroffene 9c. Eine Esslinger Kollegin betreut die Klasse nach wie vor, zwei weitere Kolleginnen aus der Esslinger Beratungsstelle kümmern sich noch immer um die Winnender Lehrer. Feste Bezugspersonen - das hält Schrade in dieser Situation für enorm wichtig. „Es war gut gemeint: Doch die Ersatzlehrer, die man den Schülern anstelle der gewohnten Lehrer zur Verfügung gestellt hatte, waren für sie eher eine Belastung.“

Die Container für den Unterricht bedeuteten hingegen eine große Entlastung: Es gab wieder einen zentralen Unterrichtsort. Die Albertville-Realschüler waren zuvor auf verschiedene andere Schulen verteilt. Schrade: „Der Mittelpunkt rhatte gefehlt.“ Er hält es für richtig, dass das alte Schulgebäude nicht abgerissen werden soll: „Lehrer wie Schüler haben immer wieder versucht, in das Gebäude hineinzukommen. Und es geht. Und das ist auch wichtig so. Denn es braucht eine Überwindung des Schrecklichen. Das Bewusstsein, dem Stand zu halten, verleiht einem Stabilität.“ Dass das dritte Obergeschoss, in dem so viel Blut floss, aber umgestaltet werden soll, hält der Schulpsychologe für sinnvoll. „Es entspricht auch dem Wunsch der Betroffenen.“

Was bleibt nach so einer Schreckenserfahrung beim einzelnen Schüler und Lehrer für den Rest seines Lebens hängen? Die Betroffenen müssen mit dem Ereignis als Teil ihrer Biografie leben. „Die Frage wird sein, ob diese Erlebnisse, diese Trauer das Leben künftig so beeinflussen, dass der Betroffene es nicht mehr steuern kann. Wir Psychologen versuchen, einer als unbewältigt erlebten Erfahrung vorzubeugen, die sich als Trauma festsetzen könnte. Wir versuchen, die Betroffenen dazu zu bringen, beim Erzählen wieder Handlungsketten herzustellen. Denn es gibt Lücken, die sind so schmerzlich, dass sie sich nicht daran erinnern können oder wollen.“

Zehn Wochen nach dem Amoklauf ihres ehemaligen Mitschülers waren die psychischen Folgeerscheinungen unter den Jungen und Mädchen noch einmal vehement aufgebrochen. Der Schock bei plötzlichen Geräuschen gehörte ebenso zu den Symptomen wie die zunehmende Aggressionsbereitschaft der Jungen. Vor allem letztere konnten die Lehrer überhaupt nicht einschätzen. Schrade: „Bis zu den Sommerferien werden noch zehn Kollegen ständig vor Ort sein, drei bleiben bis Ende 2010. Die Gefahr ist ansonsten schon da, dass die Schüler ihre Eigenkräfte zu wenig mobilisieren.“

Wie haben diese Erlebnisse den Menschen Ernst Schrade verändert? Der weiß sich zu schützen. Deshalb nur so viel: „Ich bin vielleicht noch einen Tick unnachgiebiger geworden.“ Und zwar auf allen Feldern, die helfen könnten, solche Katastrophen künftig zu verhindern. Ein schärferes Waffengesetz, ein Verbot von Killerspielen, wie es die Winnender Eltern fordern? „Das sind schon wichtige Maßnahmen.“ Zumal man auch in der Esslinger Beratungsstelle zunehmend mit Jugendlichen zu tun habe, die dem Suchtpotenzial des virtuellen Wettballerns erliegen.

Was Schrade aber fast noch mehr umtreibt, sind die klimatischen Verhältnisse im Klassenzimmer. „Schon vor fünf Jahren ging es bei jedem zweiten Fall, mit dem wir Schulpsychologen beschäftigt waren, um Mobbing.“ Doch muss er zunehmend beobachten, dass er sich nicht mehr automatisch auf Normen berufen kann, die noch vor ein paar Jahren zumindest von der Mehrheit an der Schule als moralische Richtschnur nicht in Frage gestellt wurden. Schrade: „Wenn vier bis fünf Schüler in der Pause ihr Opfer in den Mülleimer stecken und dann behaupten: Das war ja nur Spaß, dann ist da für mich die Würde des Menschen elementar verletzt. Das Opfer sagt dem Lehrer auch: Das war ja nur Spaß. Aber es hat auch gar keine andere Chance, weil es ja zu der Gruppe gehören will. Mobbing findet unter Ausschluss der Erwachsenen statt.“ Sein Fazit: „Es ist wichtig, dass wir Psychologen den Lehrern den Weg bahnen, wie sie Gruppen verstehen.“ Man müsse die Kinder mit ihren Schwierigkeiten annehmen und ihnen einen Platz einräumen. Gerade auch den depressiven, demoralisierten, eher leisen und gedemütigten Schülern.

Zumindest dahingehend sind die Schulen nach Winnenden sensibilisiert. Schrade: „Wir verzeichnen auf unserer Beratungsstelle eine deutlich häufigere Anfrage nach Unterstützung bei Mobbing-Fällen oder bei anderen Schwierigkeiten in der Klasse als zuvor.“

 

Artikel vom 18.07.2009 © Eßlinger Zeitung

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