Wirte setzen auf Wein aus dem Bottwartal
ESSLINGEN: Ärger vor dem Zwiebelfest - Weingärtner denken über EST-Ausstieg nach - Drexler alarmiert OB
Für den Landtagsvizepräsidenten und SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Drexler ist der Fall klar: „Ohne den Ausschank von Esslinger Weinen würde sich der Charakter des Zwiebelfestes erheblich verändern.“ Es müsse verhindert werden, dass sich das Zwiebelfest durch den überwiegenden Ausschank von Weinen aus Großbottwar zu einem beliebigen und austauschbaren Gastro-Event entwickle. Dies teilt Drexler in einem Brief auch Oberbürgermeister Jürgen Zieger mit und bittet ihn „dringend“ darum, sich „vehement“ für die Sache des Esslinger Weins einzusetzen. Verträge, die Großbottwarer Weinen den klaren Vorzug geben, müssten möglichst zurückgenommen werden, fordert der Abgeordnete.
Für Frank Jehle, der in Esslingen den Palmschen Bau betreibt und Geschäftsführer der als GmbH organisierten Zwiebelfestwirte ist, wird die Sache zu hoch gehängt. Es werde selbstverständlich weiterhin Esslinger Wein ausgeschenkt und letztendlich entscheide ja der Gast. Allerdings steht die von den Wirten mit acht gegen eine Stimme beschlossene Richtlinie, wonach zwei Drittel der angebotenen Weine aus Großbottwar und nur ein Drittel aus Esslingen kommen soll.
Der Grund sind Sponsorengelder. „Wir hatten ein gutes Angebot der Bottwartaler, die Esslinger wollten da nicht mitziehen“, sagt Jehle und weist darauf hin, dass die Zwiebelfestwirte komplett privatwirtschaftlich organisiert sind und vor dem Problem stetig steigender Kosten stehen. „Wir müssen wirtschaftlich denken“, betont Jehle, aber letztlich sei ja jeder Wirt in seiner Entscheidung frei, die Richtlinie für sich auszulegen.
„Zu wenig Kundenpflege“
Doch scheinen Sponsorengelder nicht der einzige Anlass zu sein, weshalb die Wirte nun zu drastischen Maßnahmen greifen. Jehle kritisiert auch im Namen vieler seiner Kollegen, die Weingärtner betrieben zu wenig Kundenpflege. „Sie kümmern sich nicht um uns und wenn andere das besser machen, dann sollen die auch Erfolg haben“, meint Frank Jehle, spricht aber von einer „einmaligen Geschichte für dieses Jahr“. Die Entscheidung der Wirte wertet er überdies als das Bemühen, die Zukunft des Zwiebelfestes zu sichern.
Albrecht Sohn, Vorstand der Weingärtner, hält sich mit Äußerungen weitgehend zurück. „Es steht doch nur noch der Kommerz im Vordergrund“, bedauert er. „Unser Angebot ging den Wirten nicht weit genug, dabei sind wir aus unserer Sicht schon sehr weit gegangen.“ Vom vorliegenden Fall losgelöst, zahlen die Weingärtner als Gesellschafter alljährlich 5000 Euro in die Kasse der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (EST) ein und dieses Geld fließt laut Sohn „eigentlich direkt in die Gastronomie“. Ob dies auch künftig so sein wird und die Weingärtner als Gesellschafter bei der EST bleiben werden, stellt Sohn in Frage. Immerhin: Die Gastronomen waren ebenfalls EST-Gesellschafter, bevor sie ihren Ausstieg erklärt hatten.
Oberbürgermeister Jürgen Zieger kommentiert die Entscheidung der Wirte in einer ersten Reaktion als „falsches Signal“. Das Zwiebelfest sei identitätsstiftend - „wer da hingeht, erwartet natürlich Esslinger Wein“. Würden solche Erwartungen enttäuscht, dann wäre der Vorwurf schnell da, die Stadt und die EST bewiesen mangelndes Fingerspitzengefühl, auch wenn es sich um ein rein privatwirtschaftlich betriebenes Fest handele. Zieger ist jedenfalls nicht bereit, sich mit den neuen Gegebenheiten abzufinden
„Nicht die falsche Sau schlachten“
Für die Verärgerung der Weingärtner hat EST-Geschäftsführer Wolfram Schottler Verständnis. Aber: „Dafür kann man uns nicht bestrafen, da würde die falsche Sau geschlachtet.“ Zwar gab es in der Vergangenheit Bemühungen, die EST enger in das Zwiebelfest mit einzubinden, doch daraus ist nichts geworden. Und so besteht für Schottler keinerlei Zusammenhang zwischen Zwiebelfest und Stadtmarketing. Die Entscheidung der Wirte hält der EST-Chef für „rufschädigend und falsch“. Das Zwiebelfest sei ein Traditionsfest und wenn man nun überwiegend Weine von außerhalb Esslingens ausschenke, dann trenne man sich von einem wesentlichen Teil der Tradition.



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