KOMMENTAR

Landesrechnungshof rügt Landesbühnen Anmaßend

Kassenhüter wollen Landeszuschüsse neu berechnet sehen - Esslinger WLB soll 23 Arbeitsplätze einsparen - Zieger: Argumentation des Rechnungshofs dilettantisch

 

Trotz erfolgreicher Zahlen nimmt der Landesrechnungshof die Esslinger Landesbühne ins Visier. Foto: Robin Rudel
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Trotz erfolgreicher Zahlen nimmt der Landesrechnungshof die Esslinger Landesbühne ins Visier. Foto: Robin Rudel

 

Von Martin Mezger Von Martin Mezger

Esslingen/Stuttgart - Der baden-württembergische Landesrechnungshof nimmt sich in seiner gestern vorgelegten „Denkschrift 2009“ auch die drei Landesbühnen zur Brust. Kommt das kleinste der Theater, die Badische Landesbühne Bruchsal, noch vergleichsweise gut weg, rüffeln die Kassenhüter vor allem die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) und das Landestheater Tübingen (LTT). Ausgehend von Zahlenmaterial der Jahre 2002 bis 2007 moniert der Landesrechnungshof zu wenige Gastspiele, einen nicht genügend nachfrageorientierten Spielplan und - im Fall der WLB - zu viel Personal. Gefordert werden eine Veränderung des Finanzierungsschlüssels und mehr Eigeneinnahmen durch Einsparung, Erhöhung der Eintrittspreise und „Professionalisierung“ der Sponsorenakquise.

 

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„Nicht nachvollziehbar“

Da WLB und LTT weniger als die Hälfte ihrer Vorstellungen auf Gastspielen geben, werde die „ursprüngliche Zielsetzung“ als „Wanderbühnen“ verfehlt. Vielmehr handle es sich um „Kommunaltheater mit regionaler Zusatzaufgabe“. Für den WLB-Intendanten Manuel Soubeyrand ist diese Darstellung „nicht nachvollziehbar“. Aktuell zeigt die WLB 45 Prozent ihrer Aufführungen außerhalb Esslingens, liegt also nur knapp unter den 50 Prozent, die der Rechnungshof als Maßgabe ansieht, die aber in keiner Satzung der Bühnen vorgegeben ist. Der Vergleich mit den 66 Prozent Gastspielquote der Landesbühne Bruchsal, welche der Rechnungshof lobend hervorhebt, sei nicht zulässig, kritisieren Soubeyrand und der WLB-Vorsitzende und Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger. „Da wird die unterschiedliche Trägerstruktur der Bühnen schlicht ignoriert“, ärgert sich Zieger. Während die WLB ebenso wie das LTT auf dem freien Gastspielmarkt ihre Inszenierungen „verkaufen“ müssen, wird die Bruchsaler Bühne von 20 Kommunen getragen, die nahezu den kompletten Spielplan übernehmen. Verbucht werden die Aufführungen gleichwohl als Gastspiele.

Trotz des Äpfel-mit-Birnen-Vergleichs plädiert der Rechnungshof für eine veränderte Bezuschussung durch das Land, von der ausschließlich Bruchsal profitieren würde: Für Gastspiele sollte das Land den Abmangel vollständig übernehmen, für Vorstellungen am Sitzort der Bühnen würde das Defizit zu einem Drittel vom Land und zu zwei Dritteln von der jeweiligen Stadt getragen. Die Landesbühnen würden damit bei „Heimspielen“ den Theatern in kommunaler Trägerschaft gleichgestellt. Bisher wird ein vom Landtag 2002 bestätigter Finanzierungsschlüssel von 30 Prozent durch den Sitzort und 70 Prozent durch das Land angestrebt, in früheren Zeiten war der Landeszuschuss deutlich höher. Esslingen hat die 70:30-Quote - im Unterschied zu Tübingen - bereits 2007 erreicht.

„Offensichtlich negiert der Rechnungshof die gefassten Landtagsbeschlüsse“, zeigt sich Jürgen Zieger höchst irritiert. Dass ausgerechnet Esslingen, dem Musterschüler in Sachen Finanzierung, mit dem Rotstift gedroht wird, weckt auch bei Intendant Soubeyrand einen bitteren Verdacht: „Hier wird der Erfolg bestraft.“ Das Zuschuss-Modell des Landesrechnungshofs sei theaterfern, profitiere doch auch das Gastspielangebot von der Basis im Sitzort. Ohne einen festen Abonnentenstamm, der in Esslingen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist, wären künstlerisch ambitionierte oder risikofreudige Inszenierungen überhaupt nicht zu ­realisieren. Schließlich gibt es ja keinerlei Abnahmegarantie vonseiten der Gastspielorte. Bestraft sieht Soubeyrand seinen Erfolg auch in anderer Hinsicht: Die Eigenfinanzierung der WLB wurde seit 2002 um 17 Prozent auf nunmehr knapp 25 Prozent gesteigert - nahezu ein Rekord im deutschen Sprechtheater. Möglich geworden sei dies nur durch ein breites Angebot und durch zeitgleiche Aufführungen bei Gastspielen und in Esslingen. Das wiederum erkläre den Personalzuwachs von gut zwölf Vollzeitstellen seit 2002: „Wir brauchen die Leute zum Beispiel in der Maske, der Technik oder der Inspizienz, da wir weiträumig und folglich zeitaufwendig Gastspiele geben“, erklärt Soubeyrand. Weitere neu geschaffene Stellen etwa bei der Jungen WLB „entsprechen dem Profil, das ich vertrete“, betont der Intendant. Dem Rechnungshof wirft er Eingriffe in die künstlerische Autonomie vor - „zumal wir den Haushaltsansatz stets eingehalten und sogar Rücklagen gebildet haben.“ Eine Kürzung von 23 Vollzeitstellen, wie sie die Denkschrift in verschiedenen Bereichen außer dem Schauspielensemble vorschlägt, würde eine „Spirale nach unten bedeuten. Wir müssten unseren Spielplan ausdünnen und in der Folge würde sich die Gastspielzahl drastisch verringern.“ Aus Soubeyrand Sicht verklärt der Rechnungshof „Nöte zur Tugend und Ausnahmen zur Norm, wo es ihm gerade reinpasst“. So kämpften Tübingen und Bruchsal, weit entfernt von einer leuchtenden Vorbildrolle, mit massiven Problemen wegen personeller Unterbesetzung in manchen Bereichen. Und ein Eigenfinanzierungsanteil von über 20 Prozent, wie ihn die Denkschrift anmahnt und wie ihn die WLB übertrifft, würde zur Schließung der meisten Theater in öffentlicher Trägerschaft führen.

Entwarnung vom Kunst-Ministerium

Das sieht man auch in der Landesregierung so. Kritisiert wird in der Stellungnahme des Kunst-Ministe­riums aber vor allem, dass der Rechnungshof das Zeitfenster nur einen Spalt öffnet: Die Jahre von 2002 bis 2007 sagten nichts darüber aus, wie positiv sich die Landesbühnen seit den 90er-Jahren entwickelten. Ob solch gravierender Mängel fällt OB Zieger ein klares Urteil: „Die Denkschrift ist dilettantisch, von wenig Sachkenntnis getrübt und einfach nur für die Tonne.“ Wenn das Papier jetzt dem Finanzausschuss des Landtags vorgelegt wird, hofft Zieger „auf die Vernunft der Abgeordneten, damit sie nicht hinter ihre eigenen Beschlüsse zurückfallen“. Immerhin gibt Staatssekretär Dietrich Birk auf Anfrage unserer Zeitung zumindest vonseiten des Kunst-Ministeriums Entwarnung: „Wir planen nicht, das vom Rechnungshof vorgeschlagene Finanzierungsmodell zu übernehmen.“

Hatten wir das nicht schon? Wieder soll am Finanzierungsschlüssel der Landesbühnen gedreht werden, rechnet man Gast- gegen Heimspiele auf, erklärt Personalmangel zum Sparsamkeitsideal. Dabei schien das Thema längst erledigt: Vor Jahren hatten sich Land und Städte auf einen Finanzierungskompromiss geeinigt, der Landtag gab 2002 seinen Segen, und die Landesbühnen selbst können nach ihrer Krise in den 90er-Jahren inzwischen wieder überzeugende Zahlen vorlegen. So betrachtet feuert der Landesrechnungshof mit wenig Sachverstand und nassem Pulver auf Zielscheiben der Vergangenheit. Dabei könnte man es bewenden lassen - hätte in Zeiten der Finanzkrise nicht auch nasses Pulver manchmal explosive politische Wirkung.

Ärgerlich an der gedankenlosen „Denkschrift“ des Landesrechnungshofs ist nicht nur die Mischung aus Nonchalance und Ahnungslosigkeit, mit der sie sich über geltende Parlamentsbeschlüsse hinwegsetzt, sondern auch die unverfrorene Einmischung in kulturpolitische, ja künstlerische Belange. Wer an einer korrekt wirtschaftenden Landesbühne 23 Vollzeitstellen und damit knapp ein Fünftel des Personals streichen will, der lässt das Amt des Ausgabenkontrolleurs hinter sich und maßt sich jenes des Kulturpolitikers ohne Mandat an. Gravierende Einschnitte in die Struktur des Theaters wären die Folge. Wer gar strikt „nachfrage­orientierte“ Spielpläne zur Erhöhung der Gastspielquote fordert, der gerät schlichtweg mit der Freiheit der Kunst über Kreuz und hat obendrein das Landesbühnenmodell nicht verstanden. Dessen Finanzierung legitimiert sich ja gerade durch Kunstanspruch statt durch bloße Marktkonformität. Wenn Gastspielorte mit öffentlichen Geldern lieber Unterhaltungsware einkaufen, kann das nicht den Landesbühnen angelastet werden. Dass den selbsternannten Kulturpolitikern vom Landesrechnungshof zu diesem eigentlichen Webfehler im System nichts einfällt, unterstreicht noch ihre Inkompetenz.

Artikel vom 30.06.2009 © Eßlinger Zeitung

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