Die rollende Bibliothek hat viele Freunde
ESSLINGEN: Seit 1958 fährt eine Fahrbücherei durch die Stadt - Zahlreiche Spender machen die dringend nötige Neuanschaffung möglich
Auf ihren Bücherbus lassen die Esslinger nichts kommen. Kunststück, schließlich geht die rollende Dependance der Stadtbibliothek seit mehr als 50 Jahren Woche für Woche auf Tour durch die Außenbezirke, um ihre Nutzer mit Büchern und anderen Medien zu versorgen. Kommenden Samstag wird der neue Bücherbus eingeweiht - es ist bereits das vierte Fahrzeug in Diensten der Stadtbibliothek. Und viele Esslinger denken noch gern an seine drei Vorgänger zurück, denn der Bücherbus ist für manche auch eine Herzensangelegenheit geworden.
Bibliothekare als Bremser
Adelheid Schaefer erinnert sich noch gut an die Kindertage der Fahrbücherei. Denn die Bibliothekarin, die inzwischen ihren wohlverdienten Ruhestand genießt, war noch mit dem allerersten Bücherbus unterwegs, der im September 1958 in Dienst ge stellt wurde. Eigentlich war das noch gar kein Bus, sondern ein umgebauter Anhänger, der von einem alten Unimog durch die Stadt gezogen wurde. „Wenn man sich die modernen Bücherbusse anschaut, waren das fast noch vorsintflutliche Verhältnisse“, schmunzelt Adelheid Schaefer. „Im Anhänger war ' s düster und ein bisschen muffig. Und im Winter war ' s oft ziemlich kalt, weil die Heizung nie richtig funktionierte.“ Nur die Haltestellen-Schilder waren kunstvoller gestaltet als heute und mit einem Stromanschluss versehen. Anfangs wurden nur fünf Haltestellen angefahren, die kleineren nicht mal jede Woche. „Und wenn wir unseren Bücherwagen in Hegensberg in ein schmales Gässchen rangiert haben, mussten wir Bibliothekare den Anhänger immer mit einer Handkurbel abbremsen“, erzählt Adelheid Schaefer. „Das war noch richtig harte Arbeit. Und trotzdem fanden wir das damals originell.“
Rund 2000 Bücher hatte der Anhänger damals an Bord - in den Regalen des neuen Bücherbusses stehen mehr als doppelt so viele Bücher, Spiele, CDs und DVDs. „Für die Leute in den äußeren Stadtteilen, die nicht so leicht in die Innenstadt kommen können, war das genau wie heute ein unheimlich wichtiges Angebot“, erinnert sich Adelheid Schaefer. „Viele haben uns an den Haltestellen schon sehnsüchtig erwartet, weil sie wieder neuen Lesestoff gebraucht haben.“ Dass eine Stadt wie Esslingen einen Bücherbus braucht, war offenbar auch im Rathaus unbestritten. Denn als der Bücherwagen Anfang der 70er-Jahre den Geist aufgab, ließ die Stadt einen Omnibus zur Fahrbücherei umbauen, der 17 Jahre lang treu und brav seinen Dienst tat - dann waren auch seine Tage gezählt. Im rheinischen Neuss wurde die damalige Bücherei-Leiterin Sibylle Weit fündig: Dort stand ein zehn Jahre alter Setra-Bücherbus zum Verkauf, der 1991 in Esslingen in Betrieb genommen wurde und bis vor wenigen Tagen im Einsatz war.
Die letzten Jahre gerieten freilich mehr und mehr zur Zitterpartie, denn der alte Setra machte zunehmend Probleme. Immer häufiger musste er in die Werkstatt, immer kostspieliger und kniffliger wurden die Reparaturen. Dass die Stadtbibliothek trotz alledem bei der Verkehrssicherheit keine Abstriche machte, musste auch ein besonders eifriger Verkehrspolizist feststellen, der den Bücherbus im Januar 2008 aus dem Verkehr zog. Ein Sachverständiger bestätigte ihm jedoch, dass trotz vieler Alterserscheinungen die Sicherheit nie gefährdet war.
Gelungene Punktlandung
Trotzdem war klar, dass an einem neuen Bücherbus kein Weg vorbeiführt - nur am nötigen Geld fehlte es der Stadt. Schließlich wurde es eine Punktlandung: Ende April lief beim alten Bücherbus der TÜV ab, nun tritt der neue seinen Dienst an. Dass die Stadt die rund 380 000 Euro teure Neuanschaffung nach vielen Jahren endlich stemmen konnte, ist vielen Esslingern zu verdanken. In einer tollen Aktion trugen zahlreiche Spender rund 190 000 Euro zusammen: Kinder plünderten ihre Sparbüchsen, Firmen und einzelne Bürger überwiesen Spenden oder stifteten Bücher für zwei Bouquinistenaktionen auf der Maille, Prominente baten zu ihren runden Geburtstagen um Spenden. Es gab Benefizveranstaltungen und großzügige Spenden von Firmen, Zuwendungen der Weiler-Stiftung, der Bürgerstiftung, der Eßlinger Zeitung und ihrer Weihnachtsaktion oder der Bürgerausschüsse. Und schließlich wurde nach einem schier endlosen Ausschreibungsmarathon ein neuer Bücherbus bestellt, der die alte Tradition fortführen wird. Und der den Esslingern bestimmt ebenso rasch ans Herz wachsen wird wie seine drei Vorgänger.



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