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SPRACHKENNTNISSE SIND VORAUSSETZUNG

„Die Verständigung muss gut klappen“

ESSLINGEN: Im Altenpflegeheim Obertor arbeiten demnächst zwei junge Spanier in der Pflege mit - Anwerbeprojekt trägt Früchte

Katrin Koenig und Jens Zuschneid kümmern sich um Obertor-Bewohnerin Anneliese Jungbluth. Bald bekommen die Pflegehelferin und der Altenpfleger Unterstützung von zwei spanischen Kollegen.Foto: Bulgrin
 

Katrin Koenig und Jens Zuschneid kümmern sich um Obertor-Bewohnerin Anneliese Jungbluth. Bald bekommen die Pflegehelferin und der Altenpfleger Unterstützung von zwei spanischen Kollegen. Foto: Bulgrin

 

Noch sind sie in Reutlingen untergebracht und besuchen in Tübingen regelmäßig einen Sprachkurs - und gewöhnen sich wohl oder übel an die deutschen Temperaturen. Doch vom 1. Mai an arbeiten eine junge Spanierin und ein junger Spanier als Pflegehilfskräfte im Städtischen Pflegeheim Obertor. Die jungen Leute, beide Mitte 20, sind im vergangenen November angeworben worden.

Von Elisabeth Schaal

Durchschnittlich dauert es 115 Tage, bis in der Altenpflege eine freigewordene Stelle wieder besetzt werden kann. Bis 2030 fehlen in Baden-Württemberg 60 000 Pflegemitarbeiter bei den ambulanten Diensten und in Pflegeeinrichtungen - allein wenn man von der heutigen und nicht einmal von einer steigenden Nachfrage ausgeht. „Das beunruhigt einen schon enorm“, sagt Thilo Naujoks, Geschäftsführer der Städtischen Pflegeheime Esslingen. Deshalb nimmt der städtische Eigenbetrieb als einer von sechs Pflegeheimträgern an einem landesweiten Projekt teil: Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) und der Internationale Bund (IB) werben ausländische Pflegefachkräfte aus der EU an und sorgen dafür, dass diese Deutsch lernen. Eine erste Anwerberunde fand im spanischen Malaga statt, der zweitgrößten Stadt Andalusiens.

Hohe Motivation

„Ich hätte allerdings ein Problem damit gehabt, wenn wir einem Land, das selbst größte Not bei der Suche nach Pflegekräften hat, diese abwerben“, bekennt Naujoks. Doch „wegen der schwierigen Wirtschaftslage und den Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen ist das zum Großteil akademisch ausgebildete Pflegepersonal zu mehr als 50 Prozent arbeitslos“, erfuhr Ludmilla Keilmann. Die Wohnbereichsleiterin im Obertor nahm an den Auswahlgesprächen in Malaga teil. Sie erlebte, „dass die spanischen Pflegekräfte mit einer sehr hohen Motivation zum Vorstellungsgespräch gekommen und sehr gut ausgebildet sind“.

Mit dem IB ist ein etablierter gemeinnütziger Bildungsträger mit im Boot. Er hat bereits praktische Erfahrung in der Anwerbung und sprachlichen Qualifikation von Krankenpflegefachkräften gesammelt. Für eine Pauschale von 5800 Euro pro Fachkraft übernimmt er beim jetzigen Projekt die Anwerbung, sorgt dafür, dass die jungen Spanier Deutsch auf dem sogenannten Sprachlevel B1 lernen (siehe Anhang) und kümmert sich während dieser Zeit um deren Unterkunft. Level B2 müssen sich die jungen Leute berufsbegleitend aneignen. „Sobald sie diese Sprachkenntnisse haben, erkennt das Regierungspräsidium sie als Pflegefachkräfte an. Inhaltlich ist die Anerkennung kein Problem, es geht nur um den Spracherwerb“, weiß Obertor-Heimleiter Torsten Ziegler. „Wenn es um die Verantwortung für Menschen geht, muss die Verständigung gut klappen“, unterstreicht auch Naujoks.

Integration braucht Zeit

Mit den Aufenthaltsbestimmungen gebe es für die aus dem EU-Ausland stammenden künftigen Mitarbeiter kein Problem. Trotzdem wissen Geschäftsführer und Heimleiter, dass eine Anwerbung nicht die große Lösung sein wird: „Es ist wichtig, neue Wege zu gehen, und wir probieren diesen Weg aus. Doch 60 000 neue Kräfte werden wir so nicht bekommen“, ist Naujoks überzeugt. Man dürfe nicht unterschätzen, was mit dieser Anwerbung alles verbunden sei. Eine erfolgreiche Integration benötige Zeit, man müsse sich um die ausländischen Mitarbeiter kümmern. So stellt das Obertor Personalwohnungen zur Verfügung. Ziegler: „Wir sind froh, eine Argentinierin als Ehrenamtliche im Haus zu haben. Sie kann mit den beiden Spaniern in deren Muttersprache reden und sie vor Ort begleiten.“ Trotzdem ist sich Naujoks darüber im Klaren: „Die Auswanderung in ein anderes Land, die deutsche Sprache zu lernen und sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden, sind ein großer Schritt. Jede Anwerbung bleibt deshalb für den betreffenden Mitarbeiter und die Einrichtung ein Wagnis. Es birgt große Chancen, aber auch Risiken.“

„Klebe-Effekt“ hilft

Auch wenn man mit Mitarbeitern aus anderen Ländern, die zunächst über keine Sprachkenntnisse verfügten und beruflich noch geschult werden mussten, gute Erfahrungen gemacht habe - es gelte, den regionalen Markt zu beackern: „80 Prozent der Pflegekräfte arbeiten im Umkreis von 20 Kilometern um ihren Arbeitsplatz“, zitiert Naujoks eine Studie der FH Münster aus dem Jahr 2011. Wichtiger Effekt bei der Gewinnung von Mitarbeitern sei der „Klebe-Effekt“, weiß Heimleiter Ziegler: „Wer schon mal ein Praktikum, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert oder als Bundesfreiwilliger mitgearbeitet hat, für den kann das ein guter Einstieg in eine qualifizierte Ausbildung sein.“

In den Chor, dass Altenpflege kein gutes Image hat, mag Naujoks im Übrigen nicht einstimmen: „Seit Beginn der 90er-Jahre hat sich die Zahl der Auszubildenden in der Altenpflege verdreifacht.“ In den Städtischen Pflegeheimen mit dem Obertor in der Innenstadt und den Häusern in der Pliensauvorstadt und in Berkheim gibt es 25 Ausbildungsplätze zum staatlich anerkannten Altenpfleger - mit besten Chancen, übernommen zu werden. Im Landkreis Esslingen bieten rund 50 Altenhilfeeinrichtungen insgesamt etwa 350 Ausbildungsplätze an.

Sprachkenntnisse sind voraussetzung

Im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen muss die sprachliche Verständigung klappen. Die beiden Spanier, die ab 1. Mai im Obertor arbeiten, müssen deshalb Deutschkurse besuchen. Deren Niveaustufen werden üblicherweise mit den Bezeichnungen A1, A2, B1, B2, C1 und C2 angegeben.

Sie stammen aus dem „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen” des Europarats. Darin wird beschrieben, was ein Lernender auf einem bestimmten Sprachniveau einer Fremdsprache hören, lesen und sprechen können sollte. Um als Pflegefachkraft anerkannt zu werden, müssen die beiden jungen Spanier Sprachlevel B1 und B2 erreichen.

B1 beinhaltet, dass die Hauptpunkte in einem Gespräch verstanden werden, wenn eine klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule oder Freizeit geht. Auch muss man sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern und über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben können.

Sprachlevel B2 ist anspruchsvoll, verlangt, dass die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen ebenso verstanden werden wie Fachdiskussionen im eigenen Spezialgebiet. Der Betreffende muss sich so spontan und fließend verständigen können, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Auch muss er einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben können.

 

Artikel vom 22.03.2013 © Eßlinger Zeitung

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