„Hals und Bein“
46 Abonnenten packt auf der Galopp-Rennbahn von Iffezheim das Wettfieber - Daumendrücken für die eigenen Favoriten
Esslingen/Iffezheim - Temperamentvolle Vollblüter und spannende Wetten faszinierten 46 Abonnenten der Eßlinger Zeitung bis zum letzten Augenblick. Ihren Hut habe sie aber daheim gelassen, sagte Gisela Tomani mit einem Augenzwinkern. Im Vorfeld sei sie nämlich mehrfach auf den Kopfputz angesprochen worden, als sie erzählt habe, sie fahre mit AboPlus auf die Galopp-Rennbahn nach Iffezheim. Sigrid Gehrung hingegen trägt auch im alltäglichen Leben gerne Hut und liebt Pferde über alles. Kein Wunder, dass die Abonnentin schon öfter hier war und dabei sogar ein Mal ihrer Hutmacherin aus Stuttgart begegnet war. Wenn Gehrung dann noch wettet, dann prickelt es bei ihr. „Wenn Sie nicht wetten, dann haben Sie auch keinen Spaß gehabt“, bestätigte Silvia Schilling von Baden Racing und führte die interessierte Schar in die Geheimnisse von Sieg-, Platz-, Zwillings, Vierer-, und Kombinationswette ein. Am vierten Renntag der „Großen Woche“ konnte man übrigens mit einem Einsatz von 50 Cent 30 000 Euro gewinnen. Doch das gelingt nicht einmal Experten. Aber wie wäre es mit Anfängerglück?
Gewicht ist streng reglementiert
„Wenn Sie sich für ein Pferd nicht entscheiden können, dann suchen Sie sich einfach den hübschesten Jockey aus“, sagte Schilling mit einem Schmunzeln. Und so konnten die Abonnenten auch hautnah miterleben, wie Daniele Porcu in voller Montur und mit Sattel gewogen wurde. Das Gewicht, dass einen Unterschied von bis zu einer Pferdelänge Vorsprung ausmachen kann, ist streng reglementiert und wird vor und auch nach dem Rennen überprüft. Langsam stieg das Wettfieber, und bei einem Gläschen Sekt im Gontard-Garten wurde das Programm studiert. Ingeborg Ziege entschied sich für die Stute „Auenfürstin“. Der Name gefalle ihr und außerdem habe sie ja vorher den dazugehörigen Jockey gesehen. „Erster Start in Frankreich verlief ordentlich. Für Platzierung denkbar“, erläuterte das Programmheft. Eigentlich müsse man in den „Turf Treff“ gehen und dort die Ohren spitzen, um wertvolle Tipps zu erhalten, fügte Ehemann Gerd Ziege aus früheren Erfahrungen an. Vor 20 Jahren war das Ehepaar öfters mal sonntags zur „Großen Woche“ gefahren. Bei strahlendem Sonnenschein starrten heuer in dem dunklen Raum die wahren Infizierten fortwährend auf die Videoleinwand, auf der die Quoten angezeigt und anschließend das Geschehen auf der Galopp-Rennbahn vor der Tür ins Innere übertragen wurde. Andere wie auch die Abonnenten scharten sich lieber rund um den sogenannten Führring im Freien und begutachteten zunächst die Pferde. „Ich schaue nach dem Temperament, aber auch nach der Ruhe in den Augen“, meinte Gehrung. Anschließend drückten die EZ-Leser, die vorher mit einem Wett-Jeton im Wert von fünf Euro ausgestattet worden waren, auf den reservierten Sitzplätzen auf dem Oleander-Turm die Daumen für ihre Favoriten. „Ja, wo laufen sie denn?“, könnte man angesichts der Dimension des Renngeländes mit einem Sketch von Loriot sagen. Doch Ferngläser sind heutzutage nicht mehr vonnöten.
Live kommentiert konnte direkt auf der Bahn manch dramatischer Verlauf ebenfalls auf einer Leinwand verfolgt werden. Es dauerte zwar nur Sekunden, in denen die Vollblüter an den Zuschauern direkt vorbei preschten. Dennoch, die Kraft und die Eleganz der Pferde faszinierten ein aufs andere Mal. Nach dem Ende eines jeden Rennens wurden die verschwitzten Vierbeiner durch ein Menschenspalier auf den Absattelplatz geführt und zunächst abgeduscht und trocken „geführt“. Es ging Schlag auf Schlag. Kaum hatte man seine Entscheidung getroffen, seine Wette abgegeben und das Rennen mit anschließender Siegerehrung mit Spannung verfolgt, wurde schon wieder „Hals und Bein“ für die nächste Runde gewünscht.
Dabei sein ist alles
„Ich bin eigentlich gar nicht zum Essen gekommen“, sagte Gehrung lachend. Aber es habe einfach viel Spaß gemacht. Einige konnten sich von der Atmosphäre in Iffezheim kaum lösen und verfolgten auf dem Weg zum Bus noch schnell das nächste Rennen, das auf der Leinwand kurz vor dem Ausgang zu se‑ hen war. Gerd Ziege hatte bei jedem Wetteinsatz gewonnen und Ehefrau Ingeborg jedes Mal verloren. Wenn hier von Wetteinsatz die Rede ist, dann handelte es selbstredend um ein paar Euro. „Dabei sein“ lautete die Devise, und entgegen der landläufigen Meinung geht es in Iffezheim eher familiär als extravagant zu. Obwohl am Mittwoch doch vereinzelt so manch skurriler Kopfputz gesichtete wurde.



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