ABO-PLUS LESERRUNDFAHRT
Verspielte Karten und geschützte Arbeitsplätze
KREIS ESSLINGEN: Informationsfahrt zu Filderwerkstatt in Nellingen, Aufzugshersteller in Neuhausen und Spielkartenmuseum Leinfelden
Reisen bildet. Wenn die EZ ihre Leser und Leserinnen gemeinsam mit der Landkreisverwaltung zur Rundfahrt einlädt, trifft das allemal zu. Drei höchst unterschiedliche Stationen steuerte der Bus an. Die Filderwerkstatt Nellingen bietet 138 Arbeitsplätze für psychisch behinderte Menschen an. ThyssenKrupp in Neuhausen produziert Aufzüge für die höchsten Gebäude der Welt. Und in Leinfelden versteckt sich das einzig Spielkartenmuseum Deutschlands in einem Schulkeller.
Vor der Filderwerkstatt in Nellingen wartet gerade der Grüntrupp auf seinen Einsatz. Pflege von Gärten, Obstbäumen oder Aufträge zum Terrassenbau nimmt diese Abteilung an. Die Filderwerkstatt ist aber in mehreren Branchen aktiv und zählt zu den großen Sozialunternehmen im Landkreis. Bekannt sind die CAP-Lebensmittelmärkte, die in einigen Orten die Nahversorgung sichern, etwa in Neuhausen und Stetten. „Unsere Aufgabe ist nicht, die Lebensmittelversorgung der Gemeinden zu sichern, sondern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“, antwortet Werkstattleiter Klaus Korschinek auf die Frage nach weiteren Läden. Menschen mit einer psychischer Krankheit erhalten einen Arbeitsplatz, der ihrer Leistungsfähigkeit entspricht, Anleitung und Betreuung bietet. Vier bis sechs Mitarbeiter muss Korschinek für eine reguläre Stelle rechnen.Auf der anderen Seite ermöglicht der durch Pflegesätze mit 35 Prozent subventionierte Arbeitsplatz, dass manche Produkte in Deutschland und nicht in China hergestellt werden. In der Montageabteilung werden beispielsweise Schnellverschlusskupplungen hergestellt. Sieht einfach aus, aber die Mitarbeiter brauchen Fingerspitzengefühl, damit nicht zu viel Kleber aufs Gewinde gedrückt wird. Im Untergeschoss bestücken Frauen große Waschmaschinen, bügeln weiße Hemden und schieben Tischdecken durch die Heißmangel. Insbesondere Hotelbesitzer schätzen den Textilservice, berichtet Korschinek.
Bio-Apfelsaft und Ergotherapie
Im Herbst betreibt die Filderwerkstatt außerdem fünf Annahmestellen für Mostobst und stellt Bio-Apfelsaft her. Ergotherapie, Bio-Großhandel und Aktenvernichtung sind weitere Angebote der Filderwerkstatt. Der Verein betreibt zudem eine Tagesstätte und eine stationäre Einrichtung. Im Bus füttert Peter Keck, Pressesprecher des Landrats, die Leser mit zusätzlichen Informationen. So erfahren sie, dass gerade in Bernhausen eine weitere Tagesklinik für psychisch kranke Menschen eingerichtet wird.
Auf das Sozialunternehmen folgt eine Weltfirma. Die ThyssenKrupp Aufzugswerke GmbH in Neuhausen ist das einzige Aufzugswerk Deutschlands und weltweit der einzige Hersteller, der alle Komponenten selbst produziert. Kabinen, Motoren, Türen und Steuerungen werden von 1100 Mitarbeitern hergestellt. 60 Auszubildende zeigen, dass man auf eigenes Know-how setzt - und gleichzeitig asiatische Produktionsstrategien schätzt, wie die Schilder „Kaizen“ beweisen: täglich Abläufe untersuchen und verbessern.
Zwillingslift für Moskau
3500 komplette Aufzugsanlagen werden jährlich produziert - der Lift fürs Privathaus ebenso wie komplexe Systeme für Wolkenkratzer in aller Welt. Derzeit produziert man für den Moscow Federation Tower, der 506 Meter hoch wird. Dort wird das Twin-System eingebaut, auf das man bei ThysenKrupp besonders stolz ist. In einem Schacht fahren zwei Aufzüge - abgestimmt auf die Positionen und Transportwünsche im Nachbarschacht. In der Versandabteilung stehen schon die Glaskabinen bereit, die in einer der teuersten Appartementanlage der Welt eingebaut werden sollen.
Hat das Spielkartenmuseum in Leinfelden bald ausgespielt? Die Stadt prüft, ob sie sich diesen Kostenfaktor künftig noch leisten kann. Es wäre schade um diese Sammlung im Keller der Schönbuch-Schule. 500 000 Karten aus sieben Jahrhunderten hütet das Museum, das einst von der Firma Ass gegründet worden ist. Kurzweilig führt Pädagogin Ellen Kelling in die Geschichte des Kartenspiels ein. Die Verbreitung des Zockens in Deutschland im 15. Jahrhundert könne man an den vielen Verbotsschriften ablesen.
Vors Licht geführt
Mancher Skatspieler erfuhr, wen er eigentlich in Händen hält: Der Kreuzkönig wurde Alexander dem Großen nachempfunden, der Herz-König dem großen Karl, Pik ist David und Karo siegt mit Cäsar. Das Verbotsschild auf einem Kleiderschrank reizt die Besucher. Schließlich öffnet Kelling die Tür. Die Spielkarten aus dem Biedermeier erscheinen brav, wer sie aber vors Licht führt, erkennt pikante Begegnungen von Buben und Damen. Der größte Trumpf des Museums in diesem Jahr ist die Ausstellung „Spielkarten und moderne Kunst“. Gezeigt werden Dalis Entwürfe für Tarot und verspielte Karten von Niki de Saint Phalle. Speziell für das Leinfeldener Museum hat der Nürtinger Achim Brückner Könige, Damen und Buben in seine großformatigen Gemälde eingebaut.



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